112 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1895.
oder weniger vor dem Eindringen und der Entwicklung der pathogenen Mikro-
organismen schützt, so dafs die Krankheitsbedingungen nicht allein in den Mikroben
an und für sich, sondern auch in anderen Umständen, vorzüglich im Wetter, zu
suchen sind,
Nicht Zufall ist es, dafs die einzelnen Krankheiten bestimmte Gegenden,
bestimmte Klimate mit Vorliebe heimsuchen, dafs einige an die Tropen, andere
an die kalten Erdstriche gebunden sind, dafs einige in der Regenzeit, andere in
der trockenen oder heifsen Jahreszeit am häufigsten aufzutreten pflegen, dafs
einige ihre Akme im Winter, andere im Sommer oder in den Uebergangs-
monaten, Frühling und Herbst, haben, dafs je nach Umständen einige bösartig,
andere gutartig verlaufen, Alle diese Umstände machen es zweifellos, daß
Wetter und Klima hierbei eine ganz besondere Rolle spielen.
In älteren, von Aerzten geführten meteorologischen Beobachtungsbüchern
findet man häufig eine mit „genius morborum“ überschriebene Rubrik, in welcher
neben den Wetterbeobachtungen die zur Zeit vorherrschenden Krankheiten auf-
gezeichnet sind, und auch gegenwärtig noch werden die Krankheits- und Sterb-
lichkeitsstatistiken gleichzeitig mit meteorologischen Beobachtungen veröffentlicht.
Hierin liegt offenbar das Zugeständnifs, daß die Witterungsvorgänge und die
Krankheitsverhältnisse in einem bestimmten Zusammenhang stehen.
So zweifellos nun auch ein solcher Zusammenhang vorhanden ist, so
machen sich doch bei Versuchen, die Einzelfälle in Bezug auf den Einflufs der
Witterungserscheinungen zu erklären, zuweilen so aufserordentliche Schwierig-
keiten geltend, dafs wir manchmal geneigt werden, einen solchen KEinflußs gar
nicht mehr anzuerkennen. Es kommt nicht selten vor, dafs eine Krankheit bei
fast genau denselben Klimaten das eine Klima besonders häufig aufsucht, das
andere aber verschont, dafs sie bei denselben Witterungserscheinungen das eine
Mal besonders häufig und bösartig, das andere Mal selten oder gelinde auftritt,
dafs Krankheiten, die dem Winter eigenthümlich sind, im Sommer am aus-
gebreitetsten sind oder am schlimmsten auftreten und umgekehrt, ohne dafs die
Witterungsverhältnisse etwas Besonderes bieten.
In solchen Fällen ist aber wohl zu bedenken, dafs hierbei auch noch andere
Ursachen ins Gewicht fallen, welche unter Umständen und je nach der Art der
Krankheiten die leitende Rolle übernehmen können, so insbesondere hygienische
Mifsstände, unvernünftige Lebensgewohnheiten, schlechte Ernährung, der Verkehr
u. dgl. Aber immerhin haben die Witterungsvorgänge, wenn auch unbemerkbar
und mittelbar, hierbei mehr oder weniger die Hand im Spiele, sei es, dafs sie
durch Erkältungen und leichte Störungen die Empfänglichkeit vermehren, oder
dafs sie die Lebensgewohnheiten der Menschen, ihre Thätigkeit, ihre Kleidung,
ihre Wohnungsverhältnisse ändern, oder dafs sie die Vermehrung und die Virulenz
der pathogenen Mikroorganismen begünstigen oder hemmen.
Die Absicht des Verfassers war, beide Wissenschaften, Hygiene und
Meteorologie, welche zwar jede für sich ihr eigenes Arbeitsfeld, ihre eigene
Fragestellung haben, aber doch viele Berührungspunkte besitzen, etwas enger
aneinander zu knüpfen.
Schon von verschiedenen Seiten ist, theilweise mit Recht, darauf hin-
gewiesen worden, dafs die von den Meteorologen gegebenen Mittelwerthe wenig
geeignet sind, den Bedürfnissen der Hygiene zu entsprechen, hauptsächlich aus
dem Grunde, weil sie die hygienisch so wichtigen Schwankungen der Witterungs-
elemente verwischen, Indessen können wir die Mittelwerthe nicht überall ent-
behren, namentlich dort nicht, wo es sich darum handelt, aus einem groben
Komplexe von Erscheinungen für die einzelnen mitwirkenden Faktoren Gesetze
herauszufinden, wie sie sich aus der zweckmäfßigen Gruppirung der Mittelwerthe
ergeben. Sowohl die Hygiene als auch die Meteorologie sind heide naturgemäfs
vielfach auf Mittelwerthe angewiesen.
Immerhin hat sich der Verfasser in diesem Buche bemüht, die meteoro-
logischen Angaben nach Mafsgabe des vorhandenen Materials soviel wie möglich
den Wünschen der Hygieniker anzupassen, und so überall dort, wo es ihm
zweckmäfsig erschien, den in der Behandlung der Meteorologie gebräuchlichen
Weg verlassen, um eine der Hygiene mehr entsprechende Richtung einzuschlagen.
Insbesondere ist in diesem Buche den Schwankungen und den Extremen
der Witterungsvorgänge eine große Aufmerksamkeit zugewendet worden.