Der grofse Sturm vom 7. bis 12. Februar 1894 an der deutschen Küste. 89
zwischen West und SW, meist auf WSW, Erst am Dienstag Vormittag‘ ging
der mälßsig gewordene Wind nach WNW und NW um und 48 Stunden später
nach Nord und allmählich weiter nach Ost.
Auch auf den anderen Stationen war die Windrichtung ähnlich beständig,
wie dies die folgende Uebersicht der zur Zeit der vollen Stunden vorgekommenen
Extreme zeigt:
1894 | Wilhelmshaven |
Hamburg
Kiel
Wustrow
Swinemünde
a ER
Febr.6
7
€
c
S—W
SW —W
WSW—W
SW—WNW
WSW—W
3W—NW
35W—W |
WSW—WNW.
5—NW
WSW
WSW—WNW
3W-—WNW
WSW—NW
5SW-WNW
SW—W
WSW—NNW
55W—WNW
55W-—W
WSW—NW
5W—W
WSW—WNW
5—WNW
5W—WNW
W—WNW
WWNW
W—WSW
W—NW
'W—WNW
:W—NW
—NW
3W—NW
WSW——NNW
3—NW-
WW
WSW—WNW
8SW—W
W— W
4—W
SSW-—WSW
WSW-— WNW
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Sonnabend
Sonntag
Montag
Dienstag
Wie gewöhnlich, so wehte der Wind auch in diesen Stürmen am Erdboden
nicht gleichförmig, sondern in Böen und Stöfsen, mit etwas ruhigeren Pausen
dazwischen. Je stärker die Behinderung des Windes durch die Unebenheiten
der Erdoberfläche ist, desto auffälliger ist diese Ungleichförmigkeit seiner Be-
wegung. So waren die Windstöfse in Eimsbüttel in der Nacht zum Montag viel
ausgeprägter als auf dem Thurme der freigelegenen Seewarte am Montag Vor-
mittag, wo die Windstärke auch in den Pausen stürmisch blieb; ihre Dauer liefs
sich in der Stille der Nacht nach dem Rauschen der Bäume sehr sicher auf nur
5 bis 15 Sekunden bestimmen; die Pausen waren viel länger. Wegen dieses
stöfßsweisen Wehens müssen natürlich die gröfsten erreichten Windgeschwindig-
keiten die stündlichen Mittel weit übertreffen. Eine Zählung der elektrischen
Kontakte, die däs Anemometer nach je 75 Umdrehungen giebt, lieferte: in den
Böen: wiederholt Geschwindigkeiten von 40 bis 44 m in der Sekunde; in den
stärksten wird sie wohl noch gröfser gewesen sein.
Alle diese Zahlenangaben sind: unter der gewöhnlichen Annahme gemacht,
die von den Mechanikern stets der Graduirung der Schalenkreuz-Anemometer zu
Grunde gelegt wird, nämlich dafs der Weg, den der Wind zurücklegt, genau das
dreifache von dem Wege der Schalenmitten betrage. In Wirklichkeit ist‘ dieses
Verhältnifs je naci dem Bau des Anemometers verschieden; es beträgt für die
Anemometer der Seewarte noch nicht‘ 2!/z, so dafs jene Zahlen etwa im‘ Ver-
hältnifs wie Celsius zu Reaumur zu verkleinern sind.!) Dafür aber übersteigt die
Geschwindigkeit in den Stöfßen, wie wir gesehen haben, ungefähr in demselben
Verhältnifs die stündliehen Mittelwerthe, so dals man die Zahlen unserer Tabelle
als ungefähre Windgeschwindigkeit in den praktisch vor Allem wichtigen Stößen
gelten lassen kann und annehmen darf, dafs in den stärksten derselben die
wirkliche Windgeschwindigkeit zwischen 36 und 40 m in: der Sekunde betrug.
Für baufechnische Zwecke wäre es wichtig, festzustellen, welches der
Druck des Windes auf freistehende Gegenstände in diesen Stöfsen gewesen
ist. Um diesen Druck aus der Geschwindigkeit zu berechnen, mülste man das
Verhältnis zwischen beiden genau kennen, was leider zur Zeit noch nicht der
Fall ist. Von den Ingenieuren wird gewöhnlich eine Formel angewandt, die aus
dem Jahre 1759 stammt und, auf metrisches Mafßs: umgerechnet, den Druck in
Kilogrammen auf das Quadratmeter gleich 0,12 mal dem Quadrat der Wind-
geschwindigkeit ergiebt. Neuere Untersuchungen ergeben diesen Faktor kleiner,
etwa um 0,08 herum; nach Hagen und Anderen soll er sich mit der Gröfse und
Jem Umrifs der Fläche ändern, auch wenn diese stets genau rechtwinklig zum
Winde steht; 40 m in der Sekunde ergiebt nach der alten Annahme einen Druck‘ von
192: nach der neueren, wohl etwas zu niedrigen, 128 kg pro Quadratmeter. In Wirk-
1) Zur Bestimmung der Anemometer-Konstanten sind auf der Seewärte sehr eingehende und
umfassende Untersuchungen durchgeführt worden, döch‘ ist eine Aenderung der Anemometerskalen
für die Stationen der Seewarte noch” nicht erfolgt, um die-Kontinuität der‘ Aufzeichnungen nicht zu
stören, ehe völlig definitive Bestimmungen vorliegen.
Ann. d, Hydr. etc, 1894, Heft II,