Davis: Die Winde des Indischen Oceans,
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Die Winde des Indischen Oceans.
Von Prof. WILLIAM MORRIS Davıs.!)
(Hierzu Tafel 2.)
Auf die Monsune des Indischen Oceans wird gewöhnlich Bezug genommen,
wenn man von dem störenden Einflufs eines Kontinents auf die im Uebrigen
symmetrische Anordnung der Passate spricht; sie scheinen uns jedoch auch eine
eigenthümliche Ablenkung der Passatwinde vorzuführen, welche von der Wirkung
des Kontinents unabhängig ist. Diese Störung besteht in dem Auftreten eines
schmalen Gürtels von Monsunwinden südlich vom Aequator, welchen der Name
von terrestrischen Monsunen beigelegt werden kann, zum Unterschied von den
kontinentalen Monsunen nördlich vom Aequator.
Wenn die Achse des äquatorialen Gürtels niedrigen Druckes beständig auf
dem geographischen Aequator bliebe, so würden die Passate symmetrisch von
beiden Seiten sich ihm nähern und in den zwischenliegenden Mallungen abflauen.
Aber wenn die Mallungen am Ende des nördlichen Sommers sich nordwärts vom
Aequator entfernen, so wird der Nordostpassat gekürzt, und der Südostpassat
wird veranlafßst, aus seiner Hemisphäre herauszutreten. Er fliefst auch weiterhin
auf nordwärts gerichteten Gradienten, aber er tritt von Breiten, in welchen
eine australe?) Ablenkung ihn nach links dreht, nach Breiten über, in welchen
eine boreale Ablenkung ihn nach rechts dreht; infolge dessen schwingt der Süd-
ostpassat der südlichen Halbkugel auf unserer Seite vom Aequator herum und
wird zum Südwestwind. Es ist ein Jahreszeitenwind oder Monsun, denn in der
entgegengesetzten Jahreszeit ist seine Stelle vom normalen Nordostpassat ein-
genommen. Ebenso mufß durch die Ausdehnung des Nordostpassats ein Nord-
westmonsun gebildet werden, wenn die Mallungen den Aequator im südlichen
Spätsommer südwärts überschreiten.
Soweit sind diese Monsune nicht an die Gegenwart von Festländern
gebunden; sie sind einfach specielle Fälle von planetarischen‘ Winden auf einer
Erde, deren Achse deutlich gegen die Ebene ihrer Bahn geneigt ist, und deren
Jahr lang genug ist, um eine erhebliche Wanderung ihres Wärmeäquators zu
bedingen. Festländer können sogar die normalen terrestrischen Monsune zer-
stören; das ist der Fall im Südatlantischen Ocean, wo die unsymmetrischen
Umrisse von Afrika und Südamerika eine solche Vertheilung der Meeresströmungen
bedingen, dafs sie die Mallungen verhindern, den Aequator südwärts zu über-
schreiten. Daher giebt es keine terrestrischen Monsune im Südatlantischen Ocean.
Wo aber specielle störende Einflüsse fehlen, darf man terrestrische Monsune er-
warten. Beispiele ihres Auftretens sollen weiterhin angeführt werden.
Andererseits wird dort, wo die Lage der Festländer zum Aequator geeignet
ist, die Wanderung des Gürtels hoher Temperatur und niedrigen Druckes über viele
Breitengrade zu veranlassen, der jahreszeitliche Wechsel der Monsune besonders
grofs. Eine Serie von monatlichen Isobaren- und Isothermenkarten, wie die von
Buchan im „Challenger“-Werke, kann uns angeben, wo der Wärme- und Luft-
druckäquator nach Landflächen in ungewöhnlich weiter Entfernung nördlich oder
südlich vom geographischen Aequator wandert, sowie auch dessen Wanderung unter
normalen terrestrischen Bedingungen zu bestimmen. Die Nord- und Südwanderung
des Wärmeäquators im Gefolge der Sonne ist grofs über Afrika, und dort dürfen
wir wohl ausgeprägte Beispiele von kontinentalen Monsunen auf beiden Seiten
des Aequators erwarten; aber im Innern des dunklen Kontinents sind die Winde
wenig erforscht. Die Wanderung nach Norden ist stark über Indien in unserm
Sommer, jene nach Süden ist deutlich über Australien im Sommer der südlichen
Halbkugel; in diesen beiden Regionen müssen Monsune unsymmetrisch in nörd-
1) Aus dem „American Meteorol. Journal“, 1893, Vol. X, S. 333, mit einigen Kürzungen
übersetzt, D. Red,
2) Wie es für die Nordlichter üblich ist, wollen wir die Ausdrücke boreal und austral
anwenden für „nordhemisphärisch“ und „südhemisphärisch“. W. M. D.
Ann. d. Hydr. eto., 1894, Heft IL