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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Wislicenus: Die Küste von Tonkin. 
Schliefslich sei erwähnt, dafs die Felsen genügend hoch sind, um die 
Heftigkeit der Taifune merklich zu mindern. 
Die Witterung. Im Archipel ist die Wärme im Sommer gröfser als im 
Delta und auf See, weil die Felsen die Seebriese hemmen; das Thermometer 
steigt bis auf 38°. Im kältesten Winter sind 8 bis 10° Wärme. 
Nebel sind vom Dezember bis in den März hinein häufiger und dauern 
länger an als im Delta und auf See. 
Gezeiten. — Ströme. Die Tide bewegt sich im Archipel von Fai-tsi-long 
fast gleichzeitig mit der bei der Spitze Do-Son; der Fluthwechsel ist nur etwas 
größer. Der Fluthwechsel nimmt zu, je weiter man nach Norden kommt. 
Vergleicht man die Gezeiten von Halong und Kebao mit denen von Do- 
Son, so erhält man folgende Uebereinstimmung für die Höhen des Hoch- und 
Niedrig wassers: 
Do-Son 
Halong 
Kebao 
Hochwasser . 
33 dem 38 dem 
30 | 34 » 
26. 29 * 
43 dem 
38 
32 
Niedrigwasser 
1 | 9 ' x 
3 | 7 » 6 » 
6 - 1 4 » 3 * 
In Kebao tritt das Niedrigwasser etwas früher ein (ungefähr um °/ı Stunden) 
als in Do-Son; die Hochwasserzeit ist zu gleicher Zeit fühlbar. 
Aber während in Do-Son und in Halong zur Zeit der Niptiden der Wasser- 
stand nur ganz wenig steigt und fällt, hat die Tide zu K6bao auch bei Nipzeit 
einen merkbaren Fluthwechsel: dann beobachtet man dort zweimal Hochwasser 
und zweimal Niedrigwasser innerhalb der Zeit von 24*, aber diese Tiden sind 
sehr unregelmäfßig. 
Das Aussehen der in der Wasserlinie liegenden Felsentheile der Inseln 
Fai-tsi-long erlaubt es, nach einiger Uebung den Wasserstand über dem der 
niedrigsten Ebben zu erkennen. Die verschiedenen Arten von Mollusken, die 
auf den Klippen wachsen, lagern sich nach den Perioden der Ein- und Aus- 
tauchung in bestimmte Reihen. In der niedrigsten Wasserlinie sieht man grüne 
Korallen und Schwämme, darüber nimmt das etwas ausgehöhlte Gestein violette 
Färbung von verschiedenen Thieren an. In etwa 2 m Höhe über dem niedrigsten 
Rande wächst ein Kranz von Austern an den Felsen, darüber bis zu 4m hat 
der von der Brandung ausgehöhlte Stein gelbliche Farbe, während er von 4 m 
über dem niedrigsten Wasserstande aufwärts schwärzlich aussieht. 
Die Tideströme nehmen natürlich an Stärke zu, je weiter man nordwärts 
kommt; denn dort nimmt der Fluthwechsel zu, und die Kanäle, die bei Kebao 
münden, engen den Strom mehr ein. Trotzdem sind die Ströme nur bei Spring- 
tide in den engen Pässen heftig. 
Die Tideströme machen es möglich, unter Wasser liegende Gefahren zu 
erkennen, denn sie verrathen die Unregelmäfsigkeiten des Grundes durch sehr 
stark ausgeprägte Stromwirbel; diese sind leicht zu beobachten, wenn die Wasser- 
oberfläche sehr glatt ist und wenn der Strom schwach (!/a Sm) läuft. 
Winde. Heftige Winde spürt man nur selten unter dem Schutz der 
Felsen des Archipels. Nur in der grofsen Bucht von Fai-tsi-long kann der 
Wellenschlag während des Nordostmonsuns unbequem werden. 
Die Taifune, die bis jetzt über die Bucht von Halong hinweggegangen 
sind, haben die dort verankerten Schiffe gut aushalten können; man muß nur 
darauf achten, dafs man weit genug von den Felsen entfernt ankert, damit man 
nach jeder Richtung hin viel Kette ausstecken kann. Auch ist es sehr wichtig, 
dafs beim Beginn eines Taifuns die Schiffe gute Abstände voneinander nehmen, 
weil es vorkommt, daß sie unter der Wirkung des Stromes und des Windes, je 
nach ihrem Tiefgange und ihrer Höhe über Wasser, nach verschiedenen Seiten 
hin schwojen.
	        
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