Wislicenus: Die Küste von Tonkin.
Schliefslich sei erwähnt, dafs die Felsen genügend hoch sind, um die
Heftigkeit der Taifune merklich zu mindern.
Die Witterung. Im Archipel ist die Wärme im Sommer gröfser als im
Delta und auf See, weil die Felsen die Seebriese hemmen; das Thermometer
steigt bis auf 38°. Im kältesten Winter sind 8 bis 10° Wärme.
Nebel sind vom Dezember bis in den März hinein häufiger und dauern
länger an als im Delta und auf See.
Gezeiten. — Ströme. Die Tide bewegt sich im Archipel von Fai-tsi-long
fast gleichzeitig mit der bei der Spitze Do-Son; der Fluthwechsel ist nur etwas
größer. Der Fluthwechsel nimmt zu, je weiter man nach Norden kommt.
Vergleicht man die Gezeiten von Halong und Kebao mit denen von Do-
Son, so erhält man folgende Uebereinstimmung für die Höhen des Hoch- und
Niedrig wassers:
Do-Son
Halong
Kebao
Hochwasser .
33 dem 38 dem
30 | 34 »
26. 29 *
43 dem
38
32
Niedrigwasser
1 | 9 ' x
3 | 7 » 6 »
6 - 1 4 » 3 *
In Kebao tritt das Niedrigwasser etwas früher ein (ungefähr um °/ı Stunden)
als in Do-Son; die Hochwasserzeit ist zu gleicher Zeit fühlbar.
Aber während in Do-Son und in Halong zur Zeit der Niptiden der Wasser-
stand nur ganz wenig steigt und fällt, hat die Tide zu K6bao auch bei Nipzeit
einen merkbaren Fluthwechsel: dann beobachtet man dort zweimal Hochwasser
und zweimal Niedrigwasser innerhalb der Zeit von 24*, aber diese Tiden sind
sehr unregelmäfßig.
Das Aussehen der in der Wasserlinie liegenden Felsentheile der Inseln
Fai-tsi-long erlaubt es, nach einiger Uebung den Wasserstand über dem der
niedrigsten Ebben zu erkennen. Die verschiedenen Arten von Mollusken, die
auf den Klippen wachsen, lagern sich nach den Perioden der Ein- und Aus-
tauchung in bestimmte Reihen. In der niedrigsten Wasserlinie sieht man grüne
Korallen und Schwämme, darüber nimmt das etwas ausgehöhlte Gestein violette
Färbung von verschiedenen Thieren an. In etwa 2 m Höhe über dem niedrigsten
Rande wächst ein Kranz von Austern an den Felsen, darüber bis zu 4m hat
der von der Brandung ausgehöhlte Stein gelbliche Farbe, während er von 4 m
über dem niedrigsten Wasserstande aufwärts schwärzlich aussieht.
Die Tideströme nehmen natürlich an Stärke zu, je weiter man nordwärts
kommt; denn dort nimmt der Fluthwechsel zu, und die Kanäle, die bei Kebao
münden, engen den Strom mehr ein. Trotzdem sind die Ströme nur bei Spring-
tide in den engen Pässen heftig.
Die Tideströme machen es möglich, unter Wasser liegende Gefahren zu
erkennen, denn sie verrathen die Unregelmäfsigkeiten des Grundes durch sehr
stark ausgeprägte Stromwirbel; diese sind leicht zu beobachten, wenn die Wasser-
oberfläche sehr glatt ist und wenn der Strom schwach (!/a Sm) läuft.
Winde. Heftige Winde spürt man nur selten unter dem Schutz der
Felsen des Archipels. Nur in der grofsen Bucht von Fai-tsi-long kann der
Wellenschlag während des Nordostmonsuns unbequem werden.
Die Taifune, die bis jetzt über die Bucht von Halong hinweggegangen
sind, haben die dort verankerten Schiffe gut aushalten können; man muß nur
darauf achten, dafs man weit genug von den Felsen entfernt ankert, damit man
nach jeder Richtung hin viel Kette ausstecken kann. Auch ist es sehr wichtig,
dafs beim Beginn eines Taifuns die Schiffe gute Abstände voneinander nehmen,
weil es vorkommt, daß sie unter der Wirkung des Stromes und des Windes, je
nach ihrem Tiefgange und ihrer Höhe über Wasser, nach verschiedenen Seiten
hin schwojen.