Wislicenus: Die Küste von Tonkin.
Zeit, wo der Nordostmonsun einsetzt. Die Westküste bietet keinen Schutz gegen
die Taifaune. An der Nordküste sind die tiefe Bucht (Batie Profonde), die
Buchten von Tai-es-Vo, von Halong (oder Allong), Ba-moun, Pak-hoi; an der
Küste von Hainan sind Hao Sin, Hiong Po, der innere Hafen von Yu-lin-kan
sichere Schutzplätze; man thut gut, bei drohenden Wetteranzeichen einen dieser
Plätze aufzusuchen. Milchige und rothe Färbung des Himmels, Fallen des Baro-
meters (zuweilen um 20 mm) sind Erscheinungen, die die Taifune begleiten;
doch gehen diese Zeichen nicht immer voraus, 80 dafs man namentlich von Ende
August bis Anfang November sehr vorsichtig sein mufßs, wenn das Wetter
schlecht aussieht. Die Wirkungen dieser Wirbelstürme sind verheerend; der
Seegang ist dann ungeheuer hoch, die Flüsse steigen bedeutend, die Gezeiten
werden oft dabei in ihrem Verlauf gestört, und die Flufßsbarren werden häufig
aufgewühlt und verändert. Man hat Taifune beobachtet, die gleichzeitig auf dem
ganzen Golf herrschten. Ihr Fortschreiten ist von Ost nach West gerichtet;
genauer ist ihre Richtung nicht zu bestimmen, denn die Gebirge von Hainan und
von Tonkin wirken merklich darauf ein. Ihre Drehbewegung läuft entgegen-
gesetzt der Bewegung des Uhrzeigers; am häufigsten liegt die Mündung des
rothen Flusses im gefährlichen Halbkreise.
Im Sommer fallen an den Küsten von Hainan und von Tonkin oft heftige
Hagelschauer, die nur kurze Zeit dauern und die durch sehr schwarze Wolken
angekündigt werden.
Gezeiten. In Tonkin sind die Gezeiten eintägig, d. h. innerhalb von
24 Stunden findet nur einmaliger Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser statt.
Einzelheiten werden in dieser Segelanweisung später noch gegeben werden.
Im Mittel kann man zu den Lothungen noch 2,5 bis 3 m Fluthhöhe hinzu-
rechnen.
Das Kap Lay. Das Kap, dessen äufserste Spitze auf 17° 5’ 20” N-Br
und auf 107° 5’ 45'' O-Lg liegt, ist eine abgeplattete Masse von 25 bis 30 m
Höhe, die mit Pflanzenwuchs bedeckt ist. Das Kap ist der einzige felsige Abhang
an der Küste zwischen dem Kap Choumay und dem Parallel von 17° 40’. Süd-
wärts von der Spitze sieht man nur okerfarbige Abhänge, wovon der südlichste
der höchste und steilste ist; sie werden durch kleine Buchten voneinander ge-
trennt, ihre Spitzen liegen ziemlich alle in der Peilung Nord—Süd. In der
nördlichsten Bucht liegt das Dorf Ving Banh; es ist von Grün umgeben und
wird von Fischern bewohnt. Das Kap wird ostwärts durch eine Klippenreihe
verlängert.
Die Nordseite des Kaps, die ebenfalls von gelben und rothen Abhängen
gebildet wird, wendet sich allmählich nach N 55° W. Dort liegen mehrere
Klippenspitzen etwa !/2a Sm vom Lande ab. Man mufs also das Kap in gutem
Abstande lassen, um so mehr, als im westlichen Theile auf mehr als 1 Sm Ab-
stand die Tiefen unregelmäfsig sind und der Grund steinig ist. Westwärts von
den Abhängen ist ein Frischwasserplatz; weiterhin sieht man auf der Küstenkante
eine grofse kahle und alleinstehende Düne.
Die Tigerinsel. Die Tigerinsel, auf 17° 9' 40" N-Br und 107° 19’ 5” O-Lg,
13 Sm in N 72° O vom Kap Lay, ist 70 m hoch. Sie sieht wie ein ziemlich
niedriger Hut aus; bei klarem Wetter kann man sie auf 20 Sm Abstand sehen.
Der gröfste Durchmesser der Insel ist nicht mehr als 1 Sm. Die Insel ist von
Klippen ringsherum besetzt, hauptsächlich in ihrem’ nördlichen und westlichen
Theile, wo das Land sich mit sanftem Abhange nach dem Meere zu senkt. Die
Südspitze ist ganz steil und wird durch eine grofse einzeln liegende Klippe be-
zeichnet. Der Grund ist felsig in der Umgebung, die Tiefen sind unregelmäßig.
Die Ostspitze scheint nicht rein zu sein, mattfarbiger Grund ist auf mehr als
1 Kabllg. vom Lande zu sehen.
Die Fahrstrafse, die die Insel vom Festlande trennt, ist rein von Gefahren;
man findet darin 31 bis 42 m Tiefe. Längs der Küste ist im Allgemeinen 22
bis 29 m Wasser, Grund blauer Schlick oder Schlick mit Sand vermischt. Etwa
18 bis 21 Sm nordostwärts von der Insel ist meist 55 bis 62 m Tiefe; von da ab
findet man am Eingange in den Golf bis zum westlichen Theile der Insel Hainan
stets Grund. Es ist schon vorhin bemerkt worden, daß die „Rolla“ in 25 Sm