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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

ZR 
Wislicenus: Die Küste von Annam. 
Die Gezeiten an der Küste von Annam. 
Das Gezeiten-Phänomen zeigt an der ganzen Westküste des Chinesischen 
Meeres, von Singapore bis nach Hong-Kong eine Reihe von Formen, die in ganz 
gigenartiger Weise auf einander folgen oder eigentlich sich in einander ver- 
wickeln. In Singapore beobachtet man stets zwei Tiden innerhalb von 24 Mond- 
stunden; dieselbe Form findet man in Saigon wieder und an der Küste von Nieder- 
Cochinchina bis in die Umgegend des Kaps Padaran. Von diesem Kap an bis 
zum Kap Tourane (auf 16° 10‘ N-Br) beobachtet man bald eine einzige Tide, 
bald zwei Tiden, je nach der Gröfse der Mondsdeklination; ebenso ist es bei der 
Insel Hainan. Nordwärts von Tourane, von Thüan-an bis nach Vung Khua 
beobachtet man wieder zwei Tiden, während in Do-Son und in der Umgebung 
dieses Ortes nur eine Tide zu spüren ist. In Pak-hoi zeigt sich gewöhnlich eine 
einzige, selten zwei. Schliefslich in Hong-Kong werden stets zwei Tiden beobachtet. 
Als Grundlage für die Berechnungen der Gezeiten dient die vom französischen 
hydrographischen Amt für jedes Jahr im Voraus herausgegebene Gezeitentafel: 
„Annuaire des marges de la Basse-Cochinchine pour Van 1894.“ Darin sind für 
die Landspitze Can -giou an der Mündung des Mekong die Hochwasserzeiten 
angegeben. Um die Zeit und die Höhe des Hochwassers an verschiedenen Punkten 
der annamitischen Küste zu berechnen, mufs man mit den folgenden, vom Komman- 
danten Arago aufgestellten Regeln die eben genannte Gezeitentafel benutzen: 
Phan-thit: stets halbtägliche Gezeiten. 
Hochwasserzeit: Man ziehe 1* 35” von den Hochwasserzeiten, die für 
Can-giou gegeben sind, ab. 
Fluthwechsel: Man multiplieire den für Can-giou gegebenen Fluthwechsel 
mit 0,50, 
Vom Kap Padaran bis zum Kap Tourane. An dieser ganzen Küste zeigt 
die Tide gemeinsame Eigenheit, die durch folgende Regel erklärt werden kann: 
Wenn die beiden aufeinander folgenden Hochwasserzeiten in Can-giou mehr 
als 14 Stunden Differenz zwischen einander haben, so tritt an der annamitischen 
Küste zwischen Padaran und Tourane täglich nur eine Tide auf. In dieser Zeit, 
die die Springtide genannt wird, kann man die Hochwasserzeit finden, wenn man 
eine für jeden Hafen konstante negative Korrektion an die Hochwasserzeit von 
Can-giou anbringt. Das Hochwasser von Can-giou tritt ungefähr vier Stunden 
früher ein als das Hochwasser von Do-Son an demselben Tage. Die Fluth dauert 
fast doppelt so lange wie die Ebbe; Stauwasserzeit tritt gegen Mitte der Fluth ein. 
Den Fluthwechsel erhält man, wenn man mit einem für jeden Hafen konstanten 
Koefficienten den für Can-giou gegebenen Fluthwechsel, d. h. den Unterschied 
zwischen der Höhe des betreffenden Hochwassers und des niedrigsten Niedrig- 
wassers an dem betrachteten Tage multiplicirt. 
Auferhalb dieses Zeitraumes, also während der Niptide, beobachtet man 
an der ganzen Küste ebenso wie bei Can-giou zwei Tiden. Man findet aus den 
Hochwasserzeiten dieser Basis die eines anderen Hafens, indem man eine negative 
Korrektion auf die Can-giou-Zeiten anwendet. Man bestimmt den Fluthwechsel 
in derselben Weise wie schon für die Springtide beschrieben ist. Die Korrektion 
and der Koefficient sind für jeden Hafen konstant, aber verschieden von den- 
selben Gröfsen für Springtide. 
Um die Fluthhöhe über dem Spiegel des niedrigsten Niedrigwassers (dem 
Nullpunkte der französischen Seekarten) zu erhalten, genügt es, den halben 
Fluthwechsel (die halbe Amplitude) zur Höhe des Mittelwasserstandes über dem 
niedrigsten Niedrigwasser (letzte Spalte der Tabelle) hinzuzuzählen. 
Yrt 
Padaran . 
Nhatrang . 
Ku-Mong . 
Kuin-Hone . 
Tanrane 
Springtide 
Korrektion | Koefficient 
4b 
4bh 
4h 
4h 
a. 
0,54 
0,45 
0,49 
0,52 
29.230 
Nipnptide 
Korrektion | Koeffieient 
ah 25m 
3h 40m | 
3b 40m 
ah 35m | 
oh 5m 
0,29 
0,27 
0,26 
0,28 
0.232 
Höhe des Mittelwasser- 
standes über dem 
niedrigsten Niedrigwasser 
1,34 In 
1,42 m 
1,00 m 
1,25 m 
)
	        
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