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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Die Küste von Annam. 
{m Auftrage der Direktion der Seewarte aus dem neuesten französischen Segelhandbuch übersetzt 
vom Hülfsarbeiter Kapt.-Lieut. a, D. WISLICENUS. 
[m März dieses Jahres erschien in Paris der II. Band des „Segelhandbuchs 
für das chinesische Meer“ („Service hydrographique de la Marine No. 747: Tome II. 
Du Detroit de Singapour aux approches sud de Canton et de Hong-kong“). Das 
Werk, dem natürlich das „China Sea Directory“, Vol. II, zu Grunde gelegt ist, 
enthält eine sehr gründliche und neue Beschreibung der Küste von Annam; die 
neuesten Forschungen französischer Hydrographen und Seeoffciere sind dazu ver- 
wendet, wodurch die annamitische Küste in bedeutend genauerer Weise als in 
dem englischen Werke beschrieben werden konnte. Dieser Umstand liefs es 
yeboten erscheinen, den Abschnitt über die Küste von Annam hier in getreuer 
Uebersetzung zu veröffentlichen; das französische Werk wird nur sehr wenigen 
deutschen Seeleuten zur Hand sein, auch scheint es nicht ausgeschlossen zu sein, 
dafs der deutsche Seehandel an der annamitischen Küste in Zukunft Bedeutung 
erlangen könnte, denn diese Küste ist im Gegensatz zu der von Südcochinchina 
und von Tonkin frei von solchen Gefahren, die die Schiffahrt erschweren, sie 
erleichtert durch ihre hohen Gebirge die Ansegelung und ist reich an geschützten 
Ankerplätzen und vortrefflichen Häfen, die noch dazu meist in der Nähe des 
grofßsen Seewegs zwischen Singapore und China liegen. 
Die Küste von Annam, die beim Kap Ba-ke beginnt, ist meist gebirgig 
und zeigt viele gut kenntliche Landspitzen, die das Ausmachen des Schiffsorts 
erleichtern. Eine Reihe von hohen ausgezackten Abhängen und von Dünen, die 
von Stürmen zerwühlt sind und stellenweise frühere Inseln zu Halbinseln um- 
zuformen scheinen, bilden die Küste; besonders gilt dies für den Theil nordwärts 
vom Kap Padaran, wo der Seegang des Nordostmonsuns heftig auf das Fest- 
land einwirkt. 
Verschiedene Untiefen liegen vor der Küste, Sandbänke und Klippen; 
letztere haben die Form grofser Steinblöcke und sind wahrscheinlich Ab- 
bröckelungen des Festlandes, die vom heftigen Seegange losgewaschen und 
zerstreut sind. Oberhalb von Padaran hat die Küste viele weite Buchten und 
sichere Ankerplätze, die heutzutage die Schiffahrt mit Vortheil ausnutzen kann, 
Annam steht unter der Schutzherrschaft Frankreichs; französische Ge- 
schäftsträger sind in den Haupthäfen Nhatrang, Ksuandai, Kuin-Hone, Tourane, 
Winde. Die Küste von Annam liegt im Gebiete der Monsunwinde; 
während der Nordostmonsun fast olıne Unregelmäfsigkeit längs der ganzen 
Küste angetroffen wird, überschreitet der Südwestmonsun nur selten das falsche 
Kap Varella nach Norden hin. Man kann annehmen, dafs die Zeitpunkte ‚des 
Kenterns des Monsuns mit ziemlicher Genauigkeit folgende sind: der 15. Mai 
für das Einsetzen des Südwestmonsuns und der 15. Oktober für das Einsetzen 
des Nordostmonsuns. 
Dem Südwestmonsun gehen Windstillen von mindestens einem Monat 
Dauer voraus. Er weht mit guter Briese und bricht oft ganz plötzlich beim Kap 
Padaran ab. Oberhalb dieses Kaps bis nach Tourane hin beobachtet man in 
dieser Jahreszeit ganz regelmälsige Land- und Seewinde. Der Landwind beginnt 
um Mitternacht und hört gegen 7* oder;8* morgens auf; die Seebriese, gewöhnlich 
ans SO wehend, setzt ungefähr um Mittag ein und hört gegen 8% abends auf. 
Ann. ad. Hvär. etc. 1894. Beiheft IL
	        
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