Krümmel: Ueber einige neuere Beobachtungen an Äräometern. 419
(No. 167") angewendet, das eine (vorübergehende) Depression des Nullpunktes
nach Erhitzung bis zum Siedepunkt von kaum 0,05° zeigt, wo die älteren
thüringischen Gläser 0,8° bis 0,9° hatten.!) Auch die „säkulare“ Nachwirkung
oder das Ansteigen des Nullpunktes ist beim Jenaer Glase No. 161 nur gering
und nach drei Monaten abgeschlossen (Nullpunkt ca 0,04° höher), dagegen bei
den ‘ thüringischen Kalinatrongläsern sehr viel ergiebiger; sie beträgt nach
200 Tagen 0,25°, nach 570 Tagen: 0,38°, nach 1450 Tagen 0,43°, nimmt also
noch lange zu, später freilich etwas schwächer als im Anfange, weshalb erst
„alte“ Thermometer aus diesen Kalinatrongläsern sich praktisch brauchbar er-
wiesen hatten. .
Für die Konstruktion der Aräometer ist daraus jedenfalls die Lehre zu
ziehen, dafs Instrumente aus Kalinatrongläsern nicht für genügend volumbeständig
gelten dürfen. Das specifische Gewicht S ist bekanntlich der Quotient aus dem
absoluten Gewicht @ und dem eingetauchten Volum V des Aräometers. Ist das
Volum V, welches der Glaskörper des Aräometers angiebt, nicht einfach pro-
portional der Temperatur, sondern, sei es vorübergehend, sei es „säkular“, unregel-
mäßig veränderlich, so wird auch das specifische Gewicht ebenso unregelmälsig
veränderlich, also im einzelnen Falle ungewifs bestimmt. Wenn sich schon bei
den. kleinen Thermometergefäfsen diese Volumänderungen bemerkbar machen, um
wieviel stärker sind sie bei den ungleich gröfseren Glaskörpern der Aräometer
zu befürchten!
; So kommt man zu der Ueberzeugung,?) dafs Aräometer nicht mehr aus
den unzuverlässigen Kalinatrongläsern, sondern vielmehr ausschließlich aus
widerstandsfähigerem Glas herzustellen seien; mag man nun das überall benutzte
Jenaer Normalglas 161 oder das noch empfehlenswerthere Borosilikatglas 5914
anwenden.) Die in Deutschland in den Handel gebrachten Glasaräometer
gind (ebenso wie die Normalaräometer der Ministerialkommission in Kiel) aber
aus thüringischem Kalinatronglase hergestellt, folglich im Volum unzuverlässig
und mit der Zeit veränderlich. Doch auch die etwa aus den neuen Jenaer
Gläsern angefertigten, für feinere Beobachtungen bestimmten Aräometer sollten
eine längere Ruhezeit (etwa 3 Monate) haben, ehe man die Skala einsetzt und die
feinere Tarirung des Gewichts vornimmt, damit wenigstens die hauptsächlichsten
Spannungs- und Lageänderungen des Glaskörpers als definitiv vollzogen betrachtet
werden können. Doch wird es ohne wiederholte Volumbestimmungen, wenigstens
bei den feineren Normalaräometern, auch später nicht gut abgehen. WO
Nebenbei haben die empfohlenen Jenaer Gläser noch einige weitere Vor-
züge vor den älteren thüringischen. Der Ausdehnungskoefficient ist beim Normal-
glas 161: nur 0,0000244 (ccm pro Grad C), beim Borosilikat 591 sogar nur
0,0000177 und damit so niedrig, wie er sonst'an festen Körpern kaum vorkommt.
Hierdurch werden etwaige kleine Unsicherheiten in der Temperaturbestimmung
des Glaskörpers, wie sie oben‘ erwähnt wurden, praktisch wohl ganz ohne Einflufs
bleiben. Zweitens zeichnen sich beide Gläser durch eine sehr grofse thermische
Leitungsfähigkeit aus:*‘) in CGS-Einheiten -ist diese für je 1° beim Normal-
glas 1611 —0,0021, beim Borosilikat 591" — 0,00204, dagegen bei den Kalinatron-
gläsern nur 0,0013 bis 16. Die neuen Gläser werden also die Temperatur ihrer
Umgebung ungleich rascher (caeteris paribus in !/a bis %s der Zeit) annehmen
als die älteren thüringischen. — Endlich kommt wohl noch als vortheilhaft, wenn
auch nicht ganz so wichtig, in Betracht die grofse Widerstandsfähigkeit. der
beiden Gläser 161 und 591 gegen die auflösenden Einwirkungen des Wassers.
Makaroff hat die damit verbundene Gewichtsverminderung an einem seiner
Steger’schen Aräometer aus Kalinatronglas mit der Waage bestimmt und nach
3) Nach Pernet ist bei gewöhnlichen thüringischen Gläsern diese Nachwirkung ungefähr
proportional dem Quadrat der voraufgegangenen Temperaturerhöhung; dagegen nach Schott bei
dem neuen. Jenaer GJase 1611 nur einfach proportional. .
N 2) Exakte vergleichende Versuche in dieser Richtung anzustellen, habe ich noch nicht Ge-
legenheit gehabt; sie sind auch angesichts der an Thermometern gemachten Erfahrungen kaum
mehr nöthig.
EC 8) Die Zusammensetzung dieser Gläser ist folgende: Normalthermometerglas 161 hat:
Natron 14,5, Zinkoxyd 7, Kalciumoxyd 7, Thonerde 2,5, Borsäure 2,0 und Kieselsäure 67%. — Das
Borosilikat 591 besteht aus: Natron 11, Thonerde 5, Borsäure 12, Manganoxyd 0,05, Kiesel-
säure 71,95%o0. Vgl. „Sitzungsbericht des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleilses“, 1892, S. 163.
4) Vgl. Schott und Winkelmann in „Wiedemann’s Annalen“, 1894, Bd. 51, S. 742.
Ann, d, Hyädr. ete., 1894, Heft XI.