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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Börgen: Die Gezeiten-Erscheinungen im Irischen Kanal, 
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scheinend vollständig, und es tritt an deren Stelle eine kleine Tide auf, welche 
viermal im Tage Hoch- und Niedrigwasser bringt. Zu allen Zeiten jedoch sind 
die Tiden in Courtown klein. 
Die Strömungen, obwohl im Allgemeinen sehr einfacher Art, bieten doch 
mancherlei Eigenthümlichkeiten. Wie im Englischen Kanal laufen die Strömungen 
gleichzeitig in verschiedenen Theilen des Gebietes nach entgegengesetzten Rich- 
tungen und setzen in dem weitaus gröfsten Theile desselben gleichzeitig, und 
zwar zur Zeit von Hoch: und Niedrigwasser zu Dover (etwas früher als dieselben 
Phasen zu Liverpool) um. Im Norden läuft der Fluthstrom durch den Nord- 
Kanal in die Irische See und nach SO, im Süden kommt derselbe durch den 
St. Georgs-Kanal und läuft nach Norden, später nach NO und Osten, während 
der Ebbestrom die entgegengesetzten Richtungen einschlägt. Westlich von der 
Insel Man haben wir die merkwürdige Erscheinung, dafs sich dort ein ziemlich 
grofses Gebiet befindet innerhalb dessen während des ganzen Verlaufes der Gezeit 
kein Strom statiändet, obgleich die Beobachtungen innerhalb dieses Gebietes 
einen recht grofsen Fluthwechsel ergeben haven. 
Die Strömungen unter der Küste schließen sich dem Verlaufe derselben 
an, und wo eine größere Bucht sich befindet, sehen wir den Strom in diese hin- 
einbie en. So geht der Fluthstrom in den Kana! von Bristol hinein, während 
der Ebbestrom aus demselben heraussetzt. In der Bucht von Cardigan folgen 
die Sirömungen der Küste, und in die Irische See setzen, wie schon erwähnt, der 
Fluthstrom von Norden und Süden hinein, der Ebbestrom hinaus, so dafs der 
erstere im Osten des Gebietes nach Osten, zwischen den Inseln Man und Anglesea 
nordöstlich, zwischen Man und der englisch-schottischen Küste südöstlich setzt, 
der letztere aber die umgekehrten Richtungen hat. 
Was die Stromgeschwindigkeit betrifft, so ist darüber Folgendes zu be- 
merken. Dieselbe ist stellenweise sehr erheblich und kann bei Springfluth bis zu 
4 bis 5 Knoten steigen (Mull of Cantyre, Tor Point und Mull of Galloway), 
während dieselbe an anderen Orten sehr viel geringer ist und sogar ganz ver- 
schwindet. Das Letztere ist der Fall in dem schon erwähnten stromlosen Gebiet 
westlich von der Insel Man. In den einzelnen Theilen des hier betrachteten 
Gebietes finden wir folgende Stromgeschwindigkeiten bei Springfluth angegeben. 
Bei den Seilly-Inseln und unter der Südküste von Irland ist der Strom immer 
ziemlich schwach und steigt nicht über 1 bis 1,5 Knoten, im Bristol-Kanal steigt 
die Geschwindigkeit auf 3, ja sogar auf 5 Knoten, im St. Georgs-Kanal werden 
2,5 bis 3,0 Knoten und auf der Linie Bardsey-Inseln—Arklow-Bank 3,6 Knoten 
angegeben. Etwas weiter nördlich auf der Linie Holyhead-—-Kingstown werden 
als Maximum an der englischen Küste 3,0 Knoten gefunden, welche nach der 
irischen Küste zu bis 2,0 Knoten abnehmen. In der Irischen See ist der Strom 
im Westen schwach und nimmt, wie mehrfach erwähnt, westlich von der Insel 
Man bis zum völligen Verschwinden ab, während östlich nach dem Mersey-Fluls 
zu 2,0 bis 2,6 Knoten als Maximum erscheinen. Im nördlichen Theile der Irischen 
See sind die Geschwindigkeiten gröfser und erreichen, wie oben gesagt, in der 
Straße zwischen der Insel Man (Ayr Point) und dem Mull of Galloway 4 bis 
5 Knoten, nehmen jedoch in der Richtung auf die Morecambe-Bay bis zu 
3 Knoten ab. Im Nord-Kanal wächst die Geschwindigkeit bis zu 5 Knoten, 
während sie weiter westlich wieder abnimmt. 
__ Wenn wir diese Verhältnisse überblicken, so erkennen wir, indem wir von 
Süden nach Norden fortschreiten, ebenso wie wir dies für den Fluthwechsel 
konstatirt haben, eine Steigerung der Geschwindigkeit bis zu einem Maximum, 
darauf ein Abnehmen, theilweise bis zu gänzlichem Verschwinden, darauf wieder 
eine Zunahme bis zu erheblicher Stärke, worauf wieder eine Abnahme folgt, und 
wenn wir die Orte des Maximums und Minimums der Stromgeschwindigkeit 
mit den Orten des Maximums und Minimums des Fluthwechsels vergleichen, so 
sehen wir, daß das Maximum des einen mit dem Minimum des anderen zu- 
sammenfällt. A 
Dies sind die Thatsachen, für welche wir nun auf Grund der Airy’schen 
Wellentheorie ‚der Gezeiten eine Erklärung zu geben suchen wollen. Wir ver- 
weisen bezüglich der dabei in Betracht kommenden theoretischen Ergebnisse auf 
Seite 24 ff. des „Segelhandbuchs des Englischen Kanals“, I. Theil. --
	        
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