Ann. d. Hydr. ete., XXIL. Jahrg. (1894), Heft XI.
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Die Gezeiten-Erscheinungen im Irischen Kanal.
Bearbeitet von Admiralitätsrath Prof. Dr. BÖRGEN, Vorstand des Kaiserlichen Observatoriums
* in Wilhelmshaven, \
Aus dem im Druck befindlichen „Segelhandbuch der Südküste Irlands und des Bristol-Kanals“,
Die Gezeiten im Ivrischen Kanal bieten einige merkwürdige und inter-
essante Erscheinungen dar, welche hier kurz dargestellt und auf Grund .der
Airy’schen Wellentheorie erklärt werden sollen. Um nicht zu weitläufig zu
werden, wird hier auf die in dem „Segelhandbuch des Englischen Kanals“,
Seite 21 ff., enthaltene Darstellung der Gezeiten in diesem Gebiete und besonders
auf Seite 24 bis 29 verwiesen, wo die Wirkung der die Gestaltung von Wellen
beeinflussenden äufseren Umstände sowie die Gesetze, nach denen sich die Um-
wandlungen vollziehen, kurz auseinandergesetzt sind.
Es möge nun zunächst eine kurze Darstellung der besonderen Erscheinungen,
welche die Gezeiten des Irischen Kanals darbieten, gegeben werden, worauf wir
versuchen wollen, eine Erklärung derselben nach rationellen Grundsätzen zu geben.
Das Gebiet, dessen Gezeiten-Erscheinungen wir hier betrachten, wird be-
grenzt durch die englische Westküste, von den Seilly-Jnseln bis zur schottischen
Grenze, diejenige von Schottland bis Islay-Insel, die irische Süd-, Ost- und Nord-
küste von etwa Cape Clear bis Malin Head, umfafst also den Bristol-Kanal,
St. Georgs-Kanal, die Irische See und den Nord-Kanal. )
Betrachten wir zuerst den Fortgang der Hafenzeiten, so ergiebt sich aus
den in den Gezeitentafeln enthaltenen Angaben, dafs dieselben sowohl von Süden
nach Norden, als auch von Norden nach Süden wachsen, bis sie auf der Breite
von Morecambe-Bay oder in der Irischen See ein Maximum von etwa 11" 10°
erreichen. Um dies durch einige Zahlen zu belegen, führen wir, von Süden nach
Norden fortschreitend, folgende an: a) englische und schottische Westküste:
Scilly-Inseln, St. Agnes 4” 30”, Lundy-Iusel 5* 13”, Small’s Leuchtfener 6" 2°
Bardsey-Insel 7: 38”, Holyhead 10* 9”, Fleetwood 11° 4“, Whitehaven 11* 8°,
Point of Ayr (Isle of Man) 11* 5°, Castletown (Isle of Man) 11% 8”, Kirkeud-
bright 11° 6”, Mull of Galloway 11* 15”, Port Patrick 11* 10”, Mull of Cantyre
10" 37”, Port Ellen (Islay-Insel) 5° 4”; b) an der irischen Küste: Cape Clear
4b 17”, Saltees 5r 46%, Wicklow 10* 33”, Skerries-Insel 11* 4”, Ardglass 11* 2”,
Donaghadee 11% 14”, Skerries 6* 21”, Mulroy-Bay, Barre 5* 50”. Alle diese
Zahlen sind auf den Meridian von 5,2° Ost v. Greenwich (Mitte zwischen Wales
und Irland) reducirt. Man erkennt aus diesen Zahlen sehr deutlich, wie die
Hafenzeiten von Süden nach Norden bis zu einem Maximum anwachsen und dann
wieder abnehmen. An der schottischen Küste ist dies theilweise weniger her-
vortretend, es ist jedoch schwierig, an dieser überaus zerrissenen Küste Punkte,
deren Hafenzeit bekannt ist, zu finden, von denen man voraussetzen kann, dafs
sie einigermafsen unbeeinflufst sind von lokalen Verhältnissen.
Gehen wir nun zu der Betrachtung des Verlaufes der Größe des Fluth-
wechsels über, so treten uns einige auffallende und zum Theil sehr merkwürdige
Verhältnisse entgegen. Zuerst ist sehr auffällig, dafs die Fluthwechsel an der
englischen Küste durchweg sehr erheblich gröfser sind als an der gegenüber-
liegenden irischen Küste, z, B. Small’s Leuchtfeuer: Springfluthwechsel 6,4 m,
Saltees 4,0 m, Fleetwood 8,4 m, Ardglass 4,9 m und zwischen beiden Castletown
(Isle of Man) 6,1 m. Dagegen finden wir für Mull of Cantyre und Skerries-Insel,
welche einander nahezu gegenüberliegen, nur bezw. 1,2 und 1,5 m angegeben,
also tra größer an der irischen Küste, ebenso Port Ellen 1,5 m und Mulroy-
Bay 3,6 m. ; .
y Der zweite Punkt, welcher bei aufmerksamer Vergleichung der Fluth-
wechsel an verschiedenen Orten auffällt, ist, daß derselbe auf beiden Seiten des
Gebietes abwechselnd gröfser und kleiner wird, so dafs man zwei Maxima und
zwei Minima unterscheiden kann, Die beiden Maxima liegen auf der Westseite
Ann. d. Hyär, etc, 1594, Heft XI.