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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Wharton: Die physikalischen Verhältnisse des Meeres. 
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Temperatur fand Sir John Rofs im Polarmeer in der Davis-Strafße in 
580 Faden (1244 m) Tiefe; er las 25° F (—3,9° C) ab. Diese Messung ‘bedarf 
wahrscheinlich einer Bestätigung, da die Thermometer jener Zeit ziemlich un- 
vollkommen waren. Innerhalb der Weltmeere wurde die gröfste Kälte an der 
Westseite des Südatlantischen Oceans gefunden, wo das Thermometer 32,3° F 
(0,2° 0) zeigt, aber Temperaturen von 29° F (—1,7° C) sind in den letzten 
Jahren östlich von den Faröer-Inseln gemessen, nördlich von dem Rücken, der 
das tiefere Wasser des Polarmeeres von dem Atlantischen Ocean abschneidet. 
Obwohl der Boden des Meeres kaum innerhalb der Grenzen meines 
Vortrags liegt, der sich mit dem Meere selbst beschäftigen soll, mufs ich doch 
ein paar Worte darüber sagen. Die Untersuchngen des „Challenger“ haben 
die Thatsache aufgedeckt, dafs, während der Boden in einer bestimmten Ent- 
fernung von den Festländern aus Erdablagerungen besteht, er in tiefem Wasser 
hauptsächlich aus Skeletten oder Skelettresten kleiner Thiere gebildet wird, die 
im Wasser gelebt haben. In verhältnilsmäßfsig geringen Tiefen finden wir Ueber- 
veste vieler Muscheln. Wenn die Tiefe bis zu ungefähr 500 Faden zunimmt, so 
bekommen wir hauptsächlich die kalkigen Hüllen der Globigerinen, die, wie man 
annehmen darf, bei Weitem den größten Theil des Meeresbodens bilden. In noch 
tieferem Wasser, wo der Druck, vereint mit der Wirkung der Kohlensäure, alle 
kalkigen Bestandtheile aufgelöst hat, finde! wir einen ganz feinen Mud mit 
Skeletten der kieseligen Radiolarien von zahllosen Formen, der gröfsten Schön- 
heit und Mannigfaltigkeit, Noch tiefer, d. h. in Wasser von — allgemein ge- 
sprochen — über 3000 Faden, finden wir einen röthlich gefärbten lehmigen Mud, 
worin die einzigen Spuren erkennbarer organischer Ueberreste, Zähne von Hai- 
fischen und Cetaceen sind, viele davon ausgestorbenen Arten gehörend, Ueber 
die Dicke dieser Ablagerungen lassen sich nur Vermuthungen aufstellen, Viel- 
leicht werden wir eines Tages nach der Vervollkommnung der mechanischen 
Hülfsmittel im Stande sein, zu bohren, aber bis jetzt ist noch kein derartiger 
Versuch gemacht worden. 
Ueber das specifische Gewicht des Seewassers kann ich nur wenig 
yagen, ausgenommen, dafs es beträchtlich wechselt. Es ist noch nicht ausge- 
macht, wie weit die specifischen Gewichte, die in verschiedenen Punkten und 
Tiefen beobachtet wurden, innerhalb enger Grenzen beständig sind. In Gegenden, 
wo die Verdunstung grofs ist umd keine anderen Einflüsse hindernd dazwischen 
treten, wird natürlich das specifische Gewicht an der Oberfläche grofs sein; eine 
Ueberlegung, die durch Beobachtungen bestätigt wird, aber es spielen noch 
viele Nebenumstände eine Rolle dabei, deren Aufdeckung noch mehr Beobach- 
tungen erheischt. An ein paar Stellen gestatten wiederholte Beobachtungen 
Schlulsfolgerungen, aber wenn man die See als Ganzes betrachtet, so sind wir 
noch in arger Unkenntnifs der hierauf bezüglichen Thatsachen. . 
Die Wellen, die fortwährend die Oberfläche der See beunruhigen, ver- 
iangen viel Studium. Die gröfste und regelmäfßigste derselben ist die Gezeiten- 
welle. Viele ausgezeichnete Geister haben sich damit ernstlich beschäftigt, 
aber trotzdem bietet sie noch manche ungelöste Räthsel. Lord Kelvin und 
Prof. Darwin haben nachgewiesen, dafs die Gezeitenbewegung aus vielen Wellen 
zusammengesetzt ist, die von verschiedenen Funktionen des Mondes und der Sonne 
abhängen, einige halbtägig, einige eintägig. Die Zeit des Meridian-Durchgangs, 
die Abweichung beider Körper, verursachen grofse Aenderungen, die wechselnde 
Entfernung und Stellung des Mondes und die Lage seiner Knoten haben auch 
grofsen Einflußs, während die ewig wechselnde Richtung und Kraft der Winde 
und der verschiedene Luftdruck auch ihren Einflufs ausüben, und zwar bisweilen 
einen sehr grofsen Einfluß, der meist unter dem etwas unklaren Namen der 
meteorologischen Tide bekannt ist. Da der Fluthwechsel von ‚jeder der astro: 
nomischen Gröfsen abhängt, die für jeden Punkt der Erde andere sind, und die 
alle verschiedene Perioden haben, so weist die daraus .hervorgehende mittlere 
Bewegung des Wassers ganz erstaunliche Aenderungen auf. An einigen Orten 
ziebt es nur eine sichtbare Tide im Tage, an anderen Orten tritt diese Er- 
scheinung nur in gewissen Perioden eines jeden Mondumlaufs auf, während an- 
scheinend in den meisten Fällen nur die Bewegungen jeder zweiten Tide viel 
miteinander zu tihun haben. Obwohl nach langen. Beobachtungen über die 
Zeiten und Höhen der Tiden an einem Ort die Tiden für diesen besonderen 
Ann A Hvar ete_ 1894 Heft X.
	        
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