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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Wharton: Die physikalischen Verhältnisse des Meeres. 
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in den Golf von Aden hinein, so daß sich der ganze Spiegel des Rothen Meeres 
um 2 Fuß senkt. In der anderen Jahreshälfte weht der Wind im südlichen 
Theile des Meeres stark von SE, der eine obere Strömung in das Rothe Meer 
hinein verursacht, dessen Spiegel jetzt allgemein steigt, während der‘ nördliche 
Wind fortfährt, in der nördlichen Hälfte zu wehen. Ich halte es für sehr wahr- 
scheinlich, dafs zu diesen beiden Zeiten ein Unterstrom in entgegengesetzter 
Richtung zum Oberstrom fließt, aber unglücklicher Weise ist die See grob und 
die Beobachtung sehr schwierig. Trotzdem wurden aber von Kapt. W. U. Moore 
in I. M. S. „Penguin“ im Jahre 1890 Beobachtungen gemacht, aber zu einer Zeit, 
als der Monsun wechselte. Das Ergebnifs war eigenthümlich, denn es schien, 
daß in einer Tiefe von 360 Fuß die Bewegung des Wassers von den Gezeiten 
abhing, während das Oberflächenwasser langsam in einer Richtung flofs — ein 
Ergebnifs im Allgemeinen dem der Amerikaner in Westindien ähnlich — aber 
die Richtung des Gezeitenstromes war gerade entgegengesetzt dem, was man 
hätte erwarten sollen, d. h. das Wasser strömte ein bei fallender Tide, und 
umgekehrt. Hier sind aber noch mehr Beobachtungen nöthig, ehe man sichere 
Schlüsse ziehen kann. 
Demnächst verdient die Tiefe des Meeres Beachtung. Hierin nimmt 
mnsere Kenntnis langsam aber stetig zu. Sie stammt ganz aus den letzten 
50 Jahren. 
Von Sir James Rofs an, der trotz geringfügiger Mittel bewies, dafs der 
sogenannte unergründliche Ocean doch überall ergründlich sei, ist das Auslothen 
des Oceans beständig vorangeschritten. Die unterseeischen Kabel haben fort- 
während in dieser Beziehung Auskunft verlangt, und die verschiedenen Kabel- 
Gesellschaften einen grofsen Antheil an der Feststellung der Thatsachen gehabt, 
Expeditionen sind ausgesandt, deren Hauptzweck Lothungen waren, besonders 
von Grofsbritannien und den Vereinigten Staaten; aber die meisten seefahrenden 
Völker haben mit dazu beigetragen. In der jüngsten Zeit sind hauptsächlich 
die Lothungen hinzugekommen, die I. B. M. Vermessungsschiffe fortwährend 
vornehmen, wenn sie eine Reise von einem Platz zum anderen ausführen, die 
Arbeit. unserer Kabel-Gesellschaften und von Vereinigten-Staaten-Schiffen, Wir 
haben jetzt eine befriedigende Kenntnifs der durchschnittlichen Tiefenverhältnisse 
des Atlantischen Oceans, aber im Indischen und Stillen Ocean ist sie sehr lücken- 
haft. Wir haben genug, um uns eine allgemeine Vorstellung zu machen, aber 
ansere Bedürfnisse wachsen mit den Jahren. Es ist eine grofse Aufgabe, die 
sicherlich nie ganz beendet wird, denn wir werden nie zufrieden sein, bis wir 
die Unebenheiten des Meeresbodens ebenso genau kennen wie die des trockenen 
Landes. 
Ich mufßs mich darauf beschränken, kurz die Ausdehnung unserer Kennt- 
nisse anzudeuten. Also zunächst die gröfsten bekannten Tiefen. Es ist 
sehr merkwürdig und vom geologischen Standpunkt aus bezeichnend, dafs die 
allertiefsten Stellen des Oceans nicht in der Mitte oder nahe bei der Mitte 
liegen, sondern in allen Fällen nahe beim Lande. 110 Meilen aufserhalb der 
Kurilen, die sich vom nördlichsten Punkt Japans nach NO hin erstrecken, 
ist die tiefste‘ Lothung gemacht, 4655 Faden oder 27930 Fufs (8513 m). Diese 
Stelle scheint in einer tiefen Einsenkung zu liegen, die den Kurilen und Japan 
parallel läuft; aber ihre Ausdehnung ist unbekannt und mag sehr bedeutend sein. 
70 Sm nördlich von Porto Rico in Westindien liegt die zweittiefste bekannte 
Lothung von 4561 Faden oder 27 366 Fufs (8341 m), nicht viel weniger als die 
erste Tiefe im Stillen Ocean, aber hier muß die Einsenkung eine verhältnifsmäfsig 
geringe Ausdehnung haben, da in Entfernungen von 60 Sm nördlich und östlich 
davon weniger tiefe Lothungen liegen. Eine ähnliche Einsenkung ist in den 
letzten paar Jahren westlich von der grofsen Anden-Kette durch das Loth ge- 
fanden worden, in 50 Sm Abstand von der peruanischen Küste, mit einer gröfsten 
Tiefe von 4175 Faden (7635 m). Andere vereinzelte Tiefen von über 4000 
Faden sind im Stillen Ocean gelothet worden. Eine zwischen den Tonga- oder 
Freundschafts-Inseln von 4500 Faden (8229 m), eine von 4478 Faden (8189 m) 
bei den Ladronen, und eine andere von 4428 Faden (8098 m) bei der Insel 
Pylstaart im westlichen Stillen Ocean. Sie alle. bedürfen zur Feststellung ihrer 
Ausdehnung noch weiterer Untersuchungen. Mit diesen wenigen Ausnahmen er- 
reicht die Tiefe der Weltmeere, soviel bis jetzt bekannt ist, nirgends ‘4000 Faden
	        
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