Wharton: Die physikalischen Verhältnisse des Meeres.
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Umgebung. In keinem anderen Theile des Oceans sind so eingehende Beobach-
tungen ausgeführt worden wie hier, und sie werfen viel Licht auf den Kreislauf
des Meeres. Der „Blake“, das für diesen Zweck eigens ausgerüstete Schiff, hat
während der Reihe von Jahren, die es dieser Untersuchung diente, in mehr als
2000 Faden Wasser geankert, oder in beträchtlich mehr als 2 Meilen Tiefe; ein
Erfolg, der vor kurzer Zeit noch für unmöglich gehalten worden wäre. Kin
wichtiger Punkt ist dabei sehr stark hervorgetreten: der fortwährende Wechsel
in der Stärke und Richtung der Strömungen und die verschiedenen Tiefen, bis
zu denen der Oberflächenstrom hinunterreicht.
Oestlich von der Kette der Windwärts-Inseln kann man die allgemeine
Tiefe der Oberflächenbewegung zu etwa 100 Faden annehmen; in geringerer
Tiefe ist der Einflufs der Gezeiten sehr deutlich. Es besteht auch eine ganz gut
erkennbare Rückströmung des Wassers in wechselnder Tiefe, verursacht durch
die unterseeische Erhebung, die die Windwärtskette der westindischen Inseln
verbindet. Diese Beobachtungen bestätigen auch allgemein, was ich schon oben
erwähnt habe, dafs die Geschwindigkeit einer Strömung abhängt von der Stärke
von Winden, möglicherweise Tausende von Meilen entfernt, die dem Wasser den
arsprünglichen Anstofs gegeben haben, und dies, zusammen mit der Gezeiten-
wirkung, wenn die Strömung. sich einer Küste nähert oder daran vorbeiläuft,
wird immer Ungewilsheit über die Gesammtgeschwindigkeit verursachen,
Verweilen wir noch einen Augenblick beim Golfstrom, so sind es zwei
Punkte, die kaum gebührende Beachtung gefunden haben, und doch einen grofsen
Einfluß darauf ausüben, daß er den mildernden Einfluls seines warmen Wassers
bis zu unseren Küsten fühlbar macht, Einmal wird er beim Verlassen der
Straße von Florida verhindert, sich auszubreiten, durch den Druck des Theiles
des Aequatorialstromes, der — nicht im Stande, durch die Kanäle zwischen den
Windwärts-Inseln zu passiren — nach Norden von den Bahamas abgelenkt wird.
Hier drängt sich dieser Theil gegen die östliche Seite des eigentlichen Golf-
stroms, prefst ihn zwischen sich und dem kalten längs der amerikanischen
Küste nach Süden fließsenden Wasser zusammen, indem er ihn gleichzeitig ver-
stärkt und seine hohe Temperatur erhält. Zweitens ist der Golfstrom, wenn er
in der Nähe der Bank von Neufundland seine Geschwindigkeit als‘ Strömung
eingebüfst hat, in das Gebiet der westlichen Winde gelangt, d. h. der Winde,
die vorherrschend aus westlicher Richtung wehen, deren Kinflufs eine Ober-
fächentrift, vergleichbar mit der der Passate, verursacht und das Wasser den
britischen Inseln und Norwegen zuführt. Ohne die vorherrschend westlichen
Winde würde das warme Wasser des Golfstroms diese Küsten niemals erreichen.
Die Tiefe, bis zu der die Oberflächenströme in anderen Meeres-
heilen reichen, ist nur ungenügend bekannt. Direkte Beobachtungen über
Unterströme sind selten gemacht worden. Einmal sind sie nicht leicht ausführbar.
Gewöhnlich müssen die Mittel zum Beobachten für die Gelegenheit hergestellt
werden. Meist wurde irgend eine Art Gestell mit grofser Fläche bis zur ge-
wünschten Tiefe hinabgelassen und, im Wasser hängend, an einer Boje verankert,
die oben trieb und dem Oberflächenwasser eine sehr viel kleinere Fläche darbot
als das Gestell in der Tiefe dem Wasser unten. WVollkommenere Apparate sind
apäter erfunden worden, so der von den Amerikanern bei ihren westindischen
Untersuchungen benutzte, Sie sind aber empfindlich und beanspruchen bei der
Verwendung so viel Sorgfalt und Erfahrung, und so viel Zeit ist nöthig für der-
artige Untersuchungen, dafs unter dem Druck dringenderer Erfordernisse der
Oberflächenbewegung im Interesse der Schiffahrt nur sehr wenig geschehen ist.
Der „Challenger“ machte einige Beobachtungen über die Tiefe des Aequatorial-
stromes mitten im Atlantischen Ocean, aber sie waren nicht sehr entscheidend,
weil passende Apparate fehlten. Aber sie schienen doch anzudeuten, daß in
mehr als 100 Faden Tiefe nur wenig Strom ist.
Man hat ausgerechnet, dals nach der Theorie Winde, die mit der gewöhn-
lichen Stärke des Passats stetig in einer Richtung wehen, in 100000 Jahren
durch Reibung der Wassertheilchen aneinander die ganze Wassermasse bis zu
2000 Faden Tiefe in gleicher Richtung in Bewegung setzen würden, wenn kein
anderer Einfluß sich äufserte; aber Richtung und Stärke der Passate wechseln
fortwährend, und die wirklich starken Strömungen finden sich nicht in den
Passatgebieten, sondern entstehen erst dann, wenn diese Strömungen einander