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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

358 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1894. 
gehoben, denn nicht nur die Hauptströme wurden dargestellt, sondern auch die 
kleineren Wirkungen und Eigenthümlichkeiten der atlantischen Strömungen mit 
überraschender Treue hervorgebracht. 
Da ist eine kleine Strömung, die unsere Karten schon lange zeigen, aber 
die ich immer mit Mifstrauen angesehen hatte. Ich meine den Strom, der, vom 
arktischen Meere die Ostküste Grönlands entlang südwärts fliefsend, bei Kap 
Farewell scharf nach Norden in die Davis-Strafse und dann hier wiederum 
scharf nach Süden umbiegt. Dies zeigt sich in dem Modell in allen Einzel- 
heiten und wird offenbar durch das von dem nachgemachten kleinen Golf- 
strom in die arktischen Gegenden gedrängte Wasser verursacht, woraus es nur 
auf diesem Wege entweichen kann; es wird gegen das Land geprefst und biegt 
um, sobald es kann. Dies ist ohne Zweifel die Erklärung des wirklichen Stromes. 
Der sehr merkwürdige Winter-Aequatorialstrom, der in einem schmalen Gürtel 
ostwärts fliefßst, gerade im Norden des nach Westen fliefsenden Hauptstromes, 
wurde ebenfalls mit aufßserordentlicher Treue dargestellt. 
Aber die gewöhnlich als beständig betrachteten Winde zeigen doch grofse 
Abweichungen, und in den Monsungebieten übt die Umkehr der Strömungen, 
verursacht durch entgegengesetzte Winde, weit über ihren eigenen Wirkungskreis 
hinaus einen grofsen Einflufs auf die Bewegung des Wassers aus, und irgend 
etwas wie eine Voraussage der genauen Richtung und Geschwindigkeit einer 
Meeresströmung kann niemals erwartet werden. Dagegen können die Haupt- 
punkte der grofsen Strömungen in folgender Weise ganz bestimmt und einfach 
erklärt werden. Die Passate geben den ersten Anstols, Sie verursachen eine 
Oberflächentrift von geringer Geschwindigkeit über weite Gebiete in derselben 
allgemeinen Richtung, in der sie wehen, Diese Triftströmungen treffen zusammen, 
vereinigen sich und drängen schliefslich gegen das Land. Sie werden abgelenkt, 
zusammengeprefst und nehmen an Geschwindigkeit zu. Sie ergiefsen sich ent- 
weder durch Strafsen zwischen Inseln hindurch, wie in das Karaibische Meer; 
werden gegen das Land gedrängt und entweichen auf dem einzig möglichen 
Auswege — wie z. B. in der Strafßse von Florida, und bilden einen grofsen 
Meeresstrom wie den Golfstrom — oder sie werden, wie im Falle der Agulhas- 
Strömung und der starken Strömung, die längs der Sansibarküste nördlich läuft, 
einfach gegen das Land angedrängt, von ihm abgelenkt und fliefsen mit ver- 
mehrter Geschwindigkeit die Küste entlang. Diese schnellen Ströme verlieren 
sich endlich scheinbar inmitten der Oceane, aber sie erzeugen ihrerseits wieder 
langsamere Bewegungen, die beim Erreichen seichteren Wassers, oder wenn sie 
Land antreffen, aufs Neue zu deutlichen Strömungen werden. 
Entsprechende Verhältnisse finden wir an der Westseite des Stillen Oceans, 
wo die japanische Strömung in ähnlicher Weise entsteht. 
Die Thatsache, dafs wir an allen westlichen Ufern der Weltmeere, wohin 
die Passate wehen, die stärksten Küstenströmungen finden, genügt beinahe allein 
schon für den Beweis des Zusammenhangs beider. Die westlichen Winde, die 
in hohen nördlichen und südlichen Breiten vorherrschen, kommen in zweiter 
Linie als die Erzeuger grofser Strömungen in Betracht. In einigen Fällen 
nehmen sie, der Lage des Landes entsprechend, die Arbeit der Passate wieder 
auf und setzen die von diesen begonnene Bewegung weiter fort; in anderen sind 
zie selbst die Ursache grofser Bewegungen des Wassers. Verglichen mit dem 
grofßen Kreislauf aus dieser Quelle, ist die Wirkung der Unterschiede in Tem- 
peratur und specifischem Gewicht unbedeutend, obwohl auch sie thätig sind, be- 
sonders beim langsamen Kreislauf in den unteren Schichten und in größerem 
Mafe bei der Mischung des Wassers in der Tiefe in senkrechtem Sinne. Kein 
Tropfen des Meeres ist auch nur für einen Augenblick in Ruhe, auch nicht in 
der gröfßfsten Tiefe. 
Gehen wir zu Einzelheiten über, so haben die amerikanischen Offiziere 
der „Coast and Geodetic Survey“ nach langer und ausdauernder Untersuchung 
gefunden, dafs die Geschwindigkeit des Golfstroms in der Strafse von 
Florida, wo er anfängt und am deutlichsten ist, sehr von den Gezeiten ab- 
hängt, da sie hier während 24 Stunden bis zur Hälfte ihres gröfsten Werthes 
schwankt. Diese amerikanischen Untersuchungen sind von gröfstem Interesse. 
Sie haben sich über das ganze Gebiet des Karaibischen Meeres und seiner Zu- 
gänge erstreckt, den Golf von Mexiko und den eigentlichen Golfstrom mit seiner
	        
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