Ann. d. Hydr. ete., XMAIL Jahrg. (1894), Heft X.
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Die physikalischen Verhältnisse des Meeres.‘
Vortrag des Vorsitzenden der geographischen Sektion der „British Association“, des Kapt. z. S.
W. J. L. WHARTON, R. N., FR. S., in Oxford am 9. August 1894. .
„Da Sie zum Vorsitzenden dieser Sektion einen Hydrographen gewählt
haben, wird es Sie nicht Wunder nehmen, wenn er als Gegenstand seiner Um-
schau das Meer wählt. Scheinbar weniger interessant — eine Folge der Gleich-
förmigkeit seiner Oberfläche — als das Land, das sich über die Wasserfläche
erhebt, und womit der Ausdruck Geographie eigentlich häufiger verknüpft wird,
hat doch auch das Meer in den letzten Jahren vielfach die Aufmerksamkeit auf
sich gezogen. Besonders in Grofsbritannien, dessen Stellung unter den Völkern
schon so lange auf den Schätzen beruht, die unsere Kauffahrer-Flotten den
heimischen Gestaden zuführen und auf der leichten Verbindung, die die See mit
unseren zahlreichen Besitzungen auf der ganzen Erde ermöglicht, hat ein HEin-
dringen in die Geheimnisse des Meeres, sei es der ewig bewegten Oberfläche
oder der mehr verschleierten Tiefe, einen grofsen Zauber ausgeübt. Ich werde
deshalb eine kurze Uebersicht über unsere gegenwärtige Kenntnils der physika-
lischen Verhältnisse des Meeres geben.
Schon der Raum allein, den das Meer einnimmt, verglichen mit dem
sichtbaren Land, giebt ihm eine Wichtigkeit, die kein anderer Punkt auf der
Oberfläche unseres Planeten erreicht. Herr John Murray hat nach einer mühe-
vollen Berechnung gezeigt, daß der körperliche Inhalt des Meeres wahr-
scheinlich 14 Mal größer ist als der des trockenen Landes. Diese Mittheilung
wirkt stark auf unsere Einbildungskraft und liefert vielleicht mit den kräftigsten
Beweis zu Gunsten der fortwährend mehr Boden gewinnenden Annahme, dafs die
grofsen Oceane der Hauptsache nach schon immer die gegenwärtige Form be-
sessen haben, seit die Bestandtheile der Erde in ihr gegenwärtiges Verhältnife
eingetreten sind. Wenn man bedenkt, dafs alles trockene Land nur ein Drittel
des Atlantischen Oceans ausfüllen würde, dann tritt Einem die außerordentliche
Ungleichheit der zwei grofen Abtheilungen, Land und Wasser, klar vor Augen.
Die auffallendste Erscheinung beim Meere ist die beständige, horizontale
Bewegung seines Oberflächenwassers, das an vielen Orten ganz bestimmte
Richtungen einschlägt. Diese grofsen Meeresströme sind nun viele Jahre lang
untersucht worden, und unsere Kenntnifs derselben nähert sich einem Punkte,
worüber hinaus ein grofser Fortschritt für alle Zeiten sehr zweifelhaft ist, mit
Ausnahme kleiner Einzelheiten. Obwohl nämlich ohne Zweifel die Gewässer in
jedem grofsen Bezirk im Allgemeinen sich immer in derselben Richtung bewegen,
ändern sich die Geschwindigkeiten, die Grenzen der verschiedenen tieferen und
seichteren Strömungen, hauptsächlich in Folge der. fortwährenden Aenderung der
Stärke und Richtung des Windes. Nach langem Schwanken und vielen Gründen
für und wider läßt sich meiner Ansicht nach jetzt doch wohl ziemlich sicher
annehmen, dafs die erste bewegende Kraft des Oberflächenstromes der Wind ist.
Aber nicht etwa der Wind, der vielleicht, und wäre es andauernd, über die
Wassertheile weht, die sich mit größerer oder geringerer Geschwindigkeit in
irgend einer Richtung bewegen, sondern die grofsen Windsysteme, die im Allge-
meinen aus derselben ungefähren Himmelsrichtung über weite Flächen wehen.
Diese Windsysteme, zusammen mit der Ablenkung durch das Land, bestimmen
die hauptsächliche Oberflächenbewegung,
Ich weiß nicht, ob Einige von Ihnen ein sehr interessantes, von Herrn
Clayden entworfenes Modell gesehen haben, worin Wasser über eine Fläche
ausgebreitet wie der Atlantische Ocean, und bedeckt mit Lycopodium, um die
Bewegung sichtbar zu machen, Luftströmungen ausgesetzt wird, die die mittleren
Richtungen der beständigen Winde vorstellen. Dies hat meine letzten Zweifel
1) Uebersetzt aus dem „Geographical Journal“, London, September 1894, S. 252 ff.
Ann. d. Hydr. oto., 1894, Hoft X.