294 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1894.
Am 5. Mai geräth bei Stenskär das Eis in Bewegung, ganze Eisberge umgeben
die Insel. Die Stärke des Eises bei der Insel beläuft sich auf 9 Fuß“ (1!).
Von der Größe der Eisschollen giebt uns auch folgende Bemerkung vom
6. Mai, welche wir im Journal des Worms’schen Leuchtthurmes finden, einen
Begriff: „das Eis ist so dick, dafs es bei einer Tiefe von 3 bis 4 Fad, sich nicht
fortbewegen kann, sondern wie auf einer Sandbank festsitzt.“
Am 7. Mai eröffnet sich die Schiffahrt in Baltisch Port und in Reval,
doch sind die Eismassen noch so bedeutend, dafs von Zeit zu Zeit die Strafen
für Schiffe unwegsam werden. So konnte am 11. Mai ein Dampfboot, welches
aus Reval kam, „nicht die Richtung nach NO innehalten und mufste sich nach
West wenden‘‘ (Mittheilung aus Nargö). Die ersten Dampfer „bahnen sich ihren
Weg mit grofßser Mühe inmitten kolossaler Kismassen‘‘ an Stenskär vorüber. Die
Schiffe, welche am 14. Mai in Reval anlangten, theilen mit, dafs „das Meer von
massenhaft umherschwimmendem KEise bedeckt sei, welches in verschiedenen
Richtungen vom Winde ‚getrieben werde; besonders viel Eis sei an der nörd-
lichen finnischen Küste vorhanden. Nach Mittheilungen aus Reval vom 20. Mai
„sind im Meere und besonders im Finnischen Meerbusen so grofse Massen Eis vor-
handen, dafs bis jetzt Schiffe nicht ausgehen können, um die gefährlichen Stellen
auszupricken; die Revaler Rhede und die ganze sichtbare Meeresoberfläche ist
durchweg von Eis bedeckt, welches schon fast eine Woche unbeweglich bleibt.“
Am 22. Mai ist die Revaler Rhede rein, aber die Strafsen ins Meer sind von
Eis gesperrt. Lootsenboote versuchten vergeblich das Meer zu erreichen. Am
23. Mai verliefs der Dampfer „Sirius“ Reval, begegnete aber so starken Kis-
schollen, dafs er davon beschädigt wurde und sich genöthigt sah, zurückzukehren.
In Kronstadt begannen Schiffe schon vom 17. Mai an einzutreffen, be-
gegneten aber unterwegs dichtem und stellenweise sehr festem KEise. Von
169 Schiffen, welche in den Hafen einliefen, hatten 18 vom Eise durchbrochene
Vordertheile. Nach Aussage des Kapitäns des englischen Dampfers „Cadeby“
stiefßs Letzterer bei Reval auf so festes Eis, daß er gezwungen wurde, im Laufe
von 12 Stunden an einem Fleck zu bleiben, und es ihm erst am Morgen des
15. Mai gelang, vorwärts zu dringen, wobei er sich genöthigt sah, beständig zu
kreuzen, je nachdem es die Festigkeit und Beweglichkeit des Eises verlangte
{„Kronstädter Bote“ No. 52, 53).
Die angeführten Auszüge charakterisiren deutlich genug die ungewöhnliche
Menge und Größe der Eisschollen und deren ungewöhnliche Kompaktheit im
Finnischen Meerbusen für den verflossenen Winter.
Am 30. Mai erst wird der Finnische Meerbusen vollends vom Eise befreit,
doch auch an diesem Tage noch begegnet man Eisschollen; der Leuchtthurm von
Kalbodangrund wurde am 30. Mai hinausgebracht, konnte aber, infolge von Eis
auf der Bank, nicht aufgestellt werden (Mittheil. aus Reval).
Die allmähliche Befreiung des Finnischen Meerbusens vom KEise dauert
somit mehr als einen Monat, findet statt, während das Frühjahr schon im vollen
Gange ist, und schliefst erst gegen dessen Ende, Kine solche Erscheinung kann
nur als Ausnahmefall betrachtet werden; der hbartnäckige, strenge Winter er-
zeugte die dicke, fast ununterbrochene KEisdecke, die Rückfälle von Kälte im
Frühjahr hemmten den Eisgang und verzögerten die Zeit der gänzlichen Be-
freiung des Meerbusens vom Eise. Dieser Verzögerung konnten übrigens auch
die herrschenden West—Nordwestwinde förderlich sein, welche die Abfuhr der
Eisschollen in die offene Ostsee erschwerten.
Es bleibt uns noch übrig, unsere Aufmerksamkeit auf die in der beige-
legten Tabelle dargestellten Winter zu lenken, welche dem Winter 1892/93 vor-
angegangen waren. Aus der Tabelle ersieht man, wie grofs die Schwankungen
für die offenliegenden Theile des Meeres sind. Am günstigsten war für die
Schiffahrt in der Ostsee der Winter 1889/90; unter den übrigen aber tritt die Eis-
saison von 1888/89 der verflossenen ziemlich nahe. Auch sie zeichnet sich durch
verhältnifsmäfsig späten Eisbruch in der Ostsee ebenso wie durch ziemlich lange
Dauer der Eisdecke aus. Hauptursache davon waren die damaligen Märzfröste,
welche nicht nur den KEisgang verzögerten, sondern auch noch beitrugen zum
durchgängigen Zufrieren des Meeres an den Westküsten Russlands, wo dieses
gewöhnlich selten geschieht. Vergleichen wir die Dauer der verflossenen KEis-
8aison mit der Saison 1888/89: