accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

292 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1894. 
verfolgen kann, angefangen vom Erscheinen des ersten dünnen Eises bis zum 
durchgängigen Zufrieren. 
Vom 6. Januar an geht schon die Verbreitung der Eishülle über die ganze 
Ostsee parallel mit der Steigerung der Fröste vor sich. Wie wir oben gesehen 
haben, waren der 15. und 16. Januar für die ganze Ostsee Tage, in welchen 
die Temperatur die höchste Abweichung vom Normalwerth erreichte;!) nicht 
nur sind wir nicht im Stande, am 17. Januar einen einzigen eisfreien Punkt auf- 
zuweisen (selbst die in die Nordsee führenden Meerengen nicht ausgenommen), 
sondern für den Rigaer und Finnischen Meerbusen müssen wir gänzliches Zu- 
frieren oder Bedeckung mit unbeweglichem, durchgängigem Eise mit nur seltenen 
eisfreien Stellen konstatiren (nur der Eintritt in den Finnischen Meerbusen blieb 
frei bis Kockskär); zugefroren war auch der Strand an der westlichen Küste der 
Insel Dagö und theilweise auch an der Küste Kurlands, Der raschen Bildung 
der Eisdecke ist, außer den strengen Frösten, noch die stille Witterung günstig. 
Es herrschte gröfstentheils schwacher SE, hervorgerufen durch hohen, über ganz 
Russland verbreiteten barometrischen Druck; nicht eine Cyklone hat es im Januar 
gegeben, während es doch gewöhnlich ihrer durchschnittlich 2 bis 3 in der 
Ostsee giebt. Der 20. Januar war der einzige Tag, wo ein frischer SW wehte 
(wahrscheinlich hervorgerufen durch schwachen Druck an der Nordwestküste 
Norwegens); durch diesen wurde das Eis bei Ösel, Dagö und den Südwestküsten 
des Finnischen Meerbusens zum Theil gebrochen; Tags darauf wurde sogar die 
Rhede von Reval eisfrei. Weitere Folgen hatte übrigens dieser Tag für die Eis- 
decke nicht, und die Fröste, welche mit erneuter Kraft wieder hereinbrachen, 
legten Anfang Februar ihre Fesseln selbst auf die wenigen Strecken von Meer, 
auf welchen wir früher nur schwimmende Eisschollen beobachtet hatten. 
Ich will nicht in fernere Details eingehen über Aenderungen der HKis- 
verhältnisse in der darauf bis zum Frühjahrs-Eisgange verstrichenen Zeit; es 
genügt die Bemerkung, dafs diese Veränderungen hauptsächlich an der kur- 
ländischen Küste und dem den Inseln Ösel und Dagö anliegenden Meeresstrich 
vor sich gingen und nur selten den südwestlichen Theil des Finnischen Meer- 
busens berührten. Diese Veränderungen bestanden entweder nur in unbedeutenden 
Bewegungen der Eismassen bald in einer, bald in anderer Richtung, je nach der 
Richtung des Windes oder in sozusagen theilweisem Eisgange, d. h. in zeitweiliger 
Bildung mehr oder minder bedeutender eisfreier Stellen, welche später wieder von 
Eis überdeckt wurden. Wenn man diese eisfreien Stellen, welche im Allgemeinen 
keinen wesentlichen Einflufs auf die Eisverhältnisse übten, betrachtet, so mufs 
man den Schlufs ziehen, dafs wir im verflossenen Winter im Laufe einer gewissen 
Zeit auf dem Finnischen und Rigaer Meerbusen eine ununterbrochene Kisdecke 
hatten, welche sich zum Theil auch auf das Meer erstreckte, welches Russlands 
westliche Küsten umspült. *) Selbstverständlich begann in diesem der Eisgang zuerst; 
unter dem Worte Eisgang mufs man einen solchen Zustand beweglichen Eises 
verstehen, welcher Schiffahrt möglich macht. Bei Libau begann er zuerst (am 
18. März, wie oben gesehen) und erweiterte sich allmählich gegen Norden, konnte 
aber infolge der grofsen Anhäufung und Dicke der Eisschollen nur äufßerst 
langsam und unregelmäfsig vor sich gehen. Um einen Begriff von der Hart- 
näckigkeit der Eisdecke zu geben, will ich einige Auszüge aus den Leuchtthurm- 
Tagebüchern anführen. Vom Filsand-Leuchtthurm aus wurde am 17. März auf 
offener See ein Dampfer bemerkt, welcher gegen Norden sich Bahn zu brechen 
suchte; nach viertägigen vergeblichen Versuchen wandte der Dampfer sich nach 
Süd und verschwand am 24. März vom Horizont des Leuchtthurmes. Wahr- 
scheinlich war es derselbe Dampfer, über welchen wir im Tagebuch des Zerrel’schen 
Leuchtthurmes folgende Bemerkung finden: „am 26. März wurde um Mittag im 
Windstrich WNW ein Dampfer gesehen, welcher in der Richtung von Filsand 
langsam längs der Swalferort’schen Küste vorrückte; am Abend des 27. wurde 
der Dampfer, der Kirche Jammaja gegenüber, vom KEise aufgehalten, durch 
1) Am 16. Januar steigerte sich der Frost in Dagerort bis —26,2° C, auf Filsand —24,4° C 
und in Libau auf —25,5° C, welches die niedrigste Temperatur dieser Punkte für den ganzen 
Winter ist. 
2) Aus dem, was wir über die Zeit der Beleuchtung der Leuchtthürme wissen, mul man 
schliefsen, dafs die ununterbrochene Eishülle des Bottnischen Meerbusens sich dort wenigstens bis 
zum südlichen Horizont des Leuchtthurmes Logskär (südlich von Öland gelegen) erstreckte,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.