Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1894,
Erster Versuch: Reines Wasser (aqua destillata)
rhs
Spannung 75 = 7,301 mgr-mm.
Sofort nach der Messung und Herausnahme der Röhre wurde die Ober-
fläche durch Eintauchen der durch das Kopfhaar gezogenen Finger unrein gemacht,
Gemessene Spannung 7,288 mgr-mm. Dafs die Oberfläche thatsächlich unrein
geworden war, wurde sodann durch das Ausbleiben der Campherrotation fest-
gestellt.
Zweiter Versuch: Auf dem Bille-Fluß bei Hamburg wurde mit 1 cbem
Oelsäure eine etwa 40 qm ausmachende Oelfläche geschaffen; die Stärke der Oel-
schicht betrug also ungefähr a mm. Innerhalb dieses Oelkreises war die
Rippelung der Wellen verschwunden.
Aus dieser Fläche wurde mit einem Becherglase derart Wasser geschöpft,
dafs die fetthaltige Oberfläche mitgefafst wurde. Ein Ueberlaufen des Wassers
wurde selbstverständlich vermieden.
Die Bestimmungen ergaben:
Reines Billwasser, Spannung 7,300 mgr-mm.
Fetthaltiges Billwasser, Spannung 7,285 mgr-mm.
Erwähnenswerth ist, daß auf der fetthaltigen, also unreinen Oberfläche
weder Campher zum Rotiren noch weitere Mengen Oelsäure zur Ausbreitung
gebracht werden konnten.
Dritter Versuch: Auf reinem Wasser — gemessene Spannung
7,303 mgr-mm — wurde nach Herausnahme der Röhre mit einer Nähnadelspitze
die denkbar geringste Menge Oelsäure zur Ausbreitung gebracht. Die Spannung
dieser unreinen Oberfläche betrug 7,288 mgr-mm.
Sofern nicht die bei dieser Untersuchung angewandte Methode angezweifelt
wird, wofür keine Veranlassung vorliegt, ergiebt sich aus diesen Versuchen, dafs
von einer wesentlichen Herabsetzung der Oberflächenspannung des Wassers nicht
die Rede sein kann. Der unter 2 ausgeführte Versuch ist für mich besonders
beweiskräftig, denn die zur Bestimmung verwandte Oberfläche stammt von einer
in praxzi ausgeführten Wellenberuhigung her, und scheint mir der Nachweis hier-
mit erbracht, dafs innerhalb der beruhigenden Oelschicht die Gleichgewichts-
bedingungen der Oberfläche durchaus keine anderen sind wie bei reinem un-
geölten Wasser.
Wie ich mich persönlich davon überzeugt halte, dafs eine Veränderung
der Oberflächenspannung durch sehr dünne, nur Tausendstel eines Millimeters
ausmachende Oelschichten so gut wie nicht stattfindet, so glaube ich doch darauf
aufmerksam machen zu müssen, dafs stärkere Oelschichten hierzu schliefslich
befähigt sein werden. Diese Verminderung der Spannung ist auch sehr gut sichtbar
zu machen, wenn bei dem Versuch 3 z. B., nachdem die Spannung 7,288 gemessen
ist, mittelst eines sehr dünnen Platindrahtes von oben in die Röhre auf die Ober-
fläche eine geringe Menge Oelsäure eingeführt wird.
Im Moment der Berührung sieht man die Wassersäule deutlich und stoß-
weise fallen, wie dies auch schon von Marangoni mit anderen Flüssigkeiten
beobachtet ist. Ich habe in keinem Fall die Wassersäule bis zu jenem Punkt
fallen sehen, welchen die reine Oelsäure bei der Bestimmung ihrer Konstante
einnimmt.
2
AS
Vierter Versuch: Den unter 2 beschriebenen Versuch habe ich noch
erweitert, indem an Stelle der Oelsäure eine zweiprocentige Seifenlösung (ölsaures
Kali) auf dem Bille-Flufs benutzt wurde.
Aus der so charakteristisch von dem übrigen Wasser sich abhebenden
glasähnlich blinkenden Fläche wurde unter gleichen Vorsichtsmafsregeln nach
d Minuten Wasser geschöpft,
Es betrug die Spannung des reinen Billwassers 7,300 mgr-mm,
die Spannung des geseiften Billwassers 7,286 mgr-mm.
Die von Herrn Prof. Dr. Köppen!) geäufserte Ansicht, dafs die Wellen-
beruhigung vornehmlich auf verminderter Spannung der Wasseroberfläche beim
Vgl. diese Annalen 1893, Seite 134.