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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

252 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1894. 
auch dann, wenn sie sich nur wie 1:500 000 in Wasser lösen sollte; dafs auch 
hierbei Kräfte thätig sind, ist selbstverständlich. 
Ich habe es ferner für nothwendig gehalten, weiteres Beweismaterial für 
die Unrichtigkeit der Oberflächenspannungs-Theorie, angewendet auf die Wellen- 
beruhigung, zu sammeln, und dürfte es geboten sein, zunächst näher darauf ein- 
zugehen, wie man sich bisher die Kraftwirkung hierbei gedacht hat. 
Eine Flüssigkeit breitet sich nach dieser Theorie auf dem Wasser aus, 
wenn die Spannung des Wassers gegen Luft a, gröfser ist als die Spannung dieser 
Flüssigkeit gegen Luft x, plus der Spannung derselben gegen Wasser a, oder 
a, > a Ar Uıg: . 
Die aus dieser Beziehung resultirende Kraft wirkt nun an der Peripherie 
des Tropfens, zerrt ihn auseinander und bringt ihn so zur Ausbreitung. 
Hiermit läfst man es bei der Erklärung für die Ausbreitung und zugleich 
auch für die Wellenberuhigung bewenden, denn die Behauptung bezw. That- 
sache, dafs nunmehr die Oberflächenspannung des Wassers herabgesetzt ist, deutet 
keine Kraftwirkung, sondern nur einen Zustand der Wasseroberfläche an. 
Für die Ausbreitung selbst genügt diese Erklärung auch vollständig und 
ist vollkommen verständlich, für die Wellenberuhigung aber bietet sie uns gar 
nichts. Verfolgen wir die Ausbreitung eines Tropfens genauer, 80 ergiebt sich 
sogar die überraschende Thatsache, dafs nach vollzogener Ausbreitung des 
Tropfens noch immer die Glättung der Wellen vorhanden ist, Sogar oft nach 
20 Minuten noch. 
Sollte die aus der Oberflächenspannung erstmalig resultirende Kraft, welche 
bei der Ausbreitung des Tropfens vollkommen in Arbeit umgesetzt und ver- 
braucht ist, nach 20 Minuten noch vorhanden sein? Gewifs nicht, denn diese 
Kraft ist aufgebraucht und könnte auch immer nur am Rande des Oelkreises 
wirken und niemals an einem beliebigen Punkt der Oelfläche selbst. Die Wellen- 
beruhigung müßte daher stets nur an der Peripherie des Oelkreises zu beobachten 
sein, was mit der Praxis in grellem Widerspruch steht. 
Man hat viel von einer Oberflächenspannungs-Theorie gesprochen, aber 
noch niemals in irgend einer allgemein verständlichen Weise eine Erklärung 
geben bezw. über die Richtung und Größe der Kraft eine Vorstellung gewinnen 
können. In Ermangelung eines Besseren hat man diese Theorie hochgehalten, 
ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, daß Ausbreitung und Wellen- 
beruhigung zwei vollständig voneinander zu trennende Dinge sind. Die 
Grofsmann’sche Ansicht, welche darauf hinausgeht, dafs eine Verstärkung der 
Oberflächenspannung durch die Oellage eintritt, wäre noch am annehmbarsten 
und auch in gewissem Sinne wohl zu begründen, wenn genannter Forscher nicht 
infolge der auf diesem Gebiet herrschenden Unklarheit den leicht entschuldbaren 
Irrthum begangen hätte, eine Verstärkung anstatt Verminderung der Oberflächen- 
spannung anzunehmen. 
Es ist zur Erklärung des Phänomens ganz unabweisbar nothwendig, an jedem 
Punkt der Oeldecke sich eine Kraft wirkend zu denken, und dieser Aufgabe wird die 
von mir aufgestellte Diffusions-Theorie in befriedigender Weise gerecht, weil an der 
gesammten Öelfläche Lösungserscheinungen eintreten und hierbei Kräfte aktiv wirken 
müssen, Fortgesetzte Versuche haben mich in dieser Ansicht nur ‘bestärken können, 
und stehe ich mehr denn je auf dem Standpunkt, die Wellenberuhigung als eine 
reine Lösungserscheinung zu definiren und allen denjenigen Flüssig- 
keiten, welche sich im Wasser wie 1:10000 bis 1: 30000 lösen, wellen- 
beruhigende Eigenschaften zuzuerkennen. 
Das angegebene Lösungsverhältnifs ist selbstverständlich nur approximativ, 
gewinnt aber für die Theorie Bedeutung, denn es ist ganz selbstverständlich, 
dafs Flüssigkeiten, welche unlöslich bezw. in jedem Verhältnifs löslich sind, 
a priori für diesen Zweck ausgeschlossen sind. Nur solche Flüssigkeiten, welche 
specifisch leichter als Wasser und sehr schwer löslich sind, ja nach unseren 
gewöhnlichen Begriffen von der Löslichkeit als unlöslich bezeichnet werden, 
können Träger der Wellenberuhigung sein. 
Wenn zur Erklärung der Ausbreitung einer Flüssigkeit auf dem Wasser 
noch die Kohäsion herangezogen werden mufs oder die gegebene Erklärung wirklich 
noch irgend welchen Wandel erfahren sollte, so kann dies niemals etwas an meiner 
Ansicht über die Wellenberuhigung ändern.
	        
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