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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1894.
Zur Lehre von der Wellenberuhigung.
Von M. M, RICHTER, Hamburg.
In einer im Februar d. J. erschienenen Druckschrift „Die Lehre von der
Wellenberuhigung‘“ habe ich dieses Thema einer Untersuchung in vorwiegend
chemischer Beziehung unterzogen und den Nachweis erbracht, dafs die wellen-
beruhigenden Eigenschaften der Oele und Seifen von dem stets schwankenden
Gehalt an flüssigen Oelsäuren abhängig sind und das Phänomen der Wellen-
beruhigung selbst als eine Lösungserscheinung aufgefalßst werden mufs.
Nachstehende Mittheilung hat den Zweck, die in obiger Schrift auf-
geführten Versuche und abgeleiteten Folgerungen zu ergänzen sowie mehrere
von mir anscheinend nicht klar genug zum Ausdruck gebrachte und daher mifs-
verstandene Thatsachen schärfer zu präcisiren.
Aus den jüngsten Publikationen über diesen Gegenstand scheint mir hervor-
zugehen, dafs verschiedene Gelehrte noch immer die Ausbreitung der Oele und
die eigentliche Wellenberuhigung identificiren, welche Ansicht der irrthümlichen
Voraussetzung entspringt, dafs beide Erscheinungen durch ein und dieselbe Kraft,
nämlich die Spannung der Oberfläche, hervorgerufen werden sollen. Ich mufs
demgegenüber mit allem Nachdruck nochmals hervorheben, dafs die Ausbreitung
einer Flüssigkeit nur insofern in losem Zusammenhang zu der Wellenberuhigung
steht, als sie lediglich primär eine nothwendige Vorbedingung für dieselbe ist.
Die beiden Erscheinungen sind völlig unabhängig voneinander und
bedingen, weil von verschiedenen Kräften abhängig, auch eine gesonderte Be-
handlung. Vollkommen falsch ist ferner die Ansicht, dafs aus dem gröferen
oder geringeren Ausbreitungsvermögen einer Flüssigkeit ein Schlufs gezogen
werden könne auf ihre Fähigkeit, Wellen zu glätten.
Wenn praktische Versuche gelehrt haben, dafs Oelsäure sich auf dem
Wasser ausbreitef und auf dieser eine Seifenlösung eine weitere (eigene) Aus-
breitung herbeiführt, und ferner der Reihenfolge nach Isoamylalkohol, Aethyl-
alkohol und Aethyläther sich wiederum auf dieser Fläche ausbreiten, so zeigt
uns diese Methode nicht etwa für jede Flüssigkeit den Grad ihrer Fähigkeit, die
Wellen zu beruhigen, sondern sie stellt eine einfache Kohäsionsbestimmung vor
und weiter nichts.
Wählt man bei diesen Versuchen als Seife das stearinsaure Kali, so ergiebt
sich unter Zugrundelegung der von mir bestimmten Oberflächenspannungs-Kon-
stanten, ausgedrückt in mgr-mm bei 15° C, und zwar
Oelsäure . .0. 0.00. +
Seife (stearinsaures Kali) , .
[soamylalkohol . . .
Aethylalkohol .
Aethyläther .
dafs die unter 2 bis 5 aufgeführten Flüssigkeiten die Fähigkeit, Wellen zu be-
ruhigen, nicht besitzen, während die mit gröfster Kohäsion und geringstem Aus-
breitungsvermögen begabte Oelsäure hierzu in vollendeter Weise befähigt ist.
Die unklare Anschauung hierüber scheint Raum gewonnen zu haben durch
die Untersuchungen und den Vorschlag Grofsmaunn’s, dasjenige Oel als das
geeignetste anzuerkennen, welches sich bei der von ihm angewandten Ver-
drängungsmethode als am stärksten erwiesen hat. Es ist ferner nöthig, darauf
hinzuweisen, dafs nach der Oberflächenspannungs-Theorie sich jede Flüssigkeit
auf dem Wasser ausbreiten mufs, sobald die Ungleichung
a, > 0, + O2
erfüllt ist (Seite 10 meiner Schrift), demnach auch ganz allgemein jede Flüssigkeit,
welche dieser Beziehung genügt, folgerichtig die Eigenschaft besitzen mülste, die
Wellen zu beruhigen.
Wenn wir diesem Gedankengang folgen, muß es uns auffällig erscheinen,
dafs unter der grofsen Anzahl von Flüssigkeitsgattungen nur eine einzige Klasse,