290 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1894.
mittels der Leitlinien zu bezeichnen, und erzielt dadurch natürlich eine sehr er-
hebliche Arbeitsersparni(s.
Das zweite Verfahren ist neuerdings von Prof. G. H. Darwin in Cambridge
vorgeschlagen worden!) und besteht in Folgendem. Es sind eine Anzahl (74)
schmaler mit einem Streifen Celluloid oder künstlicher Elfenbeinmasse belegter
Holzstäbchen von quadratischem Querschnitt vorbereitet, von denen jedes einen
Tag oder eine Zeile des oben erwähnten Schemas darstellt, Die Stäbchen sind
mit laufenden Nummern und mit Stiften zum Befestigen auf einem Zeichenbrett
versehen. Die Celluloidstreifen sind in 24 Abtheilungen getheilt, von denen also
jede einer Tagesstunde entspricht. In diese Abtheilungen werden nun der Reihe
nach die zu den vollen Stunden mittlerer Sonnenzeit beobachteten Wasserstände
eingetragen und die Streifen, je nach der abzuleitenden Tide, in verschiedener
Weise untereinander gelegt, so dafs der folgende Streifen gegen den vorher-
gehenden um keine, eine oder zwei Stunden nach links oder rechts verschoben
wird, je nachdem die gesuchte Tide dies verlangt. Die Anordnung der Stäbchen
erhält dadurch ein treppenförmiges Aussehen. In welcher Weise die Stäbchen
für eine bestimmte Tide auf dem Zeichenbrett befestigt werden müssen, wird in
sehr bequemer Weise durch ein Führungsblatt angegeben, auf welchem die Lage
der Stäbchen außer durch ihre Nummer auch noch durch kurze Begrenzungs-
striche an jedem Ende bezeichnet ist. Um die Anzahl der Stäbchen auf eine
mäfsige zu beschränken sind 12'/2 synodische Monate (370 Tage) in 5 Abthei-
lungen von je 74 Tagen eingetheilt und die Leitblätter der verschiedenen Ab-
theilungen durch verschiedene Farben (roth, gelb, grün, blau und violett) unter-
schieden.
Sind die Stäbchen für eine Tide geordnet, so stehen die zu summirenden
Zahlen senkrecht untereinander, wodurch ein kleiner Nachtheil der vorher
beschriebenen Leitlinien vermieden wird, der darin besteht, dafs man dort in
schräglaufenden Linien summiren mufßs, was immerhin etwas gröfsere Aufmerk-
samkeit erfordert, als wenn dies in senkrechten Linien geschieht. Es werden
nun die in den einzelnen Stundenkolumnen untereinander stehenden Zahlen
summirt, da aber die Stäbchen gegeneinander verschoben sind, so ist nur Kolumne
Ob ganz ausgefüllt, alle anderen Stundenkolumnen rechts von 0* sind dagegen
unvollständig und müssen durch die links von 0* stehenden Kolumnen ergänzt
werden. Die Bezifferung der Stundenkolumnen ist daher zweimal vorhanden,
nämlich 0*....23b O0h....23%
Hat man die Summirung der 74 Streifen für eine Tide beendigt, so wird
ein neues Führungsblatt derselben Farbe für eine andere Tide auf ein zweites
Zeichenbrett gelegt, die Stäbchen der Reihe nach auf dieses übertragen und
wieder summirt. So fährt man fort, bis die 74 Stäbchen für alle Tiden benutzt
sind, welche man ableiten will, worauf man die Ziffern von den Stäbchen weg-
wischt und die Wasserstände für die nächsten 74 Tage auf dieselben aufträgt.
Dann werden die Stäbchen für sämmtliche Tiden unter Benutzung der gelben
Führungsblätter in derselben Weise wie vorher aufsummirt, die Ziffern wieder
weggewischt, die dritte Gruppe von 74 Tagen unter Benutzung der grünen
Führungsblätter summirt u. s. w., bis das Beobachtungsmaterial erschöpft ist.
In Verbindung mit dieser Methode der Ableitung der Konstanten, aber
ganz unabhängig von derselben, hat Darwin ein Verfahren entwickelt, um die-
jenigen Tiden, deren Argumentsänderung wenig von 0°, 15°, 30° und 60° in der
mittleren Stunde abweicht, welche sich also um die S-Tiden gruppiren, genauer
und bequemer abzuleiten, als dies durch die gewöhnliche Methode geschehen kann.
Es sind dies die Tiden der S-Gruppe: S,, Se, Su, Se, ferner K,ı, K,, T, R, P
und die Tiden von langer Periode Ssa und Sa. Zur Ableitung dieser 11 Tiden
ist nur eine einzige Summirung erforderlich, während die gewöhnliche Methode
deren 7 erfordert. Um dies zu erreichen, wird das Jahr in 12 Monate zu je
30 Tagen eingetheilt, derart, dafs die Sonnenlänge (anfangend vom Mittag des
ersten Tages des Beobachtungszeitraums) am Mittag des ersten Tages jedes
Monats innerhalb + 0,5° die Werthe 0°, 30°, 60°....330° hat, was dadurch
erreicht wird, dafs bestimmte Tage unberücksichtigt bleiben. Für jeden Monat
1) On an apparatus for facilitating the reduction of tidal observations by G. H. Darwin
F. R. S. — Proceedings of the Royal society, Vol. 52.