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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Prinz Heinrich der Seefahrer. 
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1/ı5, welches thatsächlich das gesammte geographische Wissen des christlichen 
Mittelalters repräsentirte. 
In Camoens’ „Lusiade“, dem National-Epos Portugals, ist Heinrich der 
„edle“ Prinz, der zuerst 
„Opened up those wastes of tide 
No Generation opened before“, 
und sein Werk ist wesentlich ein Werk der Vorbereitung und des Uebergangs, 
welches die Fäden der Vergangenheit aufnahm und die zukünftigen ’haten vor- 
bereitete, die Entdeckungen des Columbus, de Gama’s, und Magelhaens’. Denn 
wenn auch der Prinz diese Erfolge nicht erlebte, so waren sie doch lediglich 
dem Impuls zu verdanken, welcher von ihm ausging, und dem Beispiel, welches 
er gab. 
Bei all dieser Arbeit leiteten den Infanten drei Gesichtspunkte: zunächst 
die Erforschung der unbekannten Welt und zwar namentlich die Entdeckung des 
Seeweges um Afrika nach Indien; sodann die Gründung von Kolonien für sein 
Vaterland und endlich die Bekehrung der Heiden. Mit solchen Zielen vor sich, 
machte er sich daran, die Mauer abergläubischer Furcht und Ignoranz niederzu- 
reißen, welche schon so lange das Christenthum auf einen engen Theil des west- 
lichen Europas beschränkt hatte, Aber um ein getreues Bild der Stellung 
Heinrichs in der Geschichte unseres geographischen Fortschritts zu gewinnen, 
müssen wir auf die verschiedenen Stufen der Vorbereitung für seine Aufgaben 
zurückschauen, indem wir von der Gesammtheit des Wissens und der Kenntnisse 
ausgehen, welche die Wissenschaft des griechisch-römischen Reiches der christ- 
lichen Welt übermacht hatte. 
Zunächst, in den Zeiten von Konstantin bis zu Karl dem Grofsen, 
trug das meiste von Europäern an Entdeckungen überhaupt oder Reisen irgend 
welcher Art gezeigte Interesse den Charakter der Pilgerfahrten; dann rüttelte die 
vom Norden ausgehende Bewegung der Wikinger oder skandinavischen Piraten 
und Seeräuber die schwerfälligern Nationen des Westens zu neuer Thätigkeit 
auf, sie führte auf der einen Seite zu der ersten thatsächlichen Entdeckung von 
Amerika (Vinland), auf der anderen zu der Gründung des mittelalterlichen , russischen 
Königreiches, sie bewirkte endlich das aufserordentliche Anwachsen der Pilger- 
fahrten und Reisen nach dem Osten, wodurch die Kreuzzüge vorbereitet und 
unvergängliche Früchte jener grofsen Umwälzung gezeitigt wurden. 
Die Kreuzzüge selbst, die Haupt-Aera in der Geschichte der lateinischen 
Christenheit und christlicher Forschung, erzeugten nach drei Richtungen hin 
einen Aufschwung westlichen geographischen Strebens, nämlich die Landreisen 
nach dem Osten, die Atlantischen Oceanreisen und den wissenschaftlichen Fort- 
schritt. Die Reisen Marco-Polo’s und der Ordens-Missionare des 13. und 
14. Jahrhunderts beweisen diesen Gang der Entwickelung ebenso wie die Unter- 
nehmungen der genuesischen, catalonischen, französichen und portugiesischen See- 
fahrer auf dem dunklen Ocean in den Jahren 1291 bis 1410. Die Erfindung 
oder Uebertragung des Kompasses und des Astrolabiums sowie die Ergänzungen 
und Verbesserungen in den Land- und Seekarten durch die neuen italienischen 
Küstenvermessungen bezw. die Portolani beweisen zur Genüge den Einflufs der 
Kreuzzüge auf die Wissenschaft, 
Durch die Aufnahme der Landreisen nach dem fernen Osten wurde dem 
christlichen Westen zuerst klar, was man von den Schätzen der Araber und den 
Reichthümern Indiens zu gewinnen vermöge, welche seit der frühesten Zeit das 
Ziel aller Handelsrouten gewesen. Durch die Förderung der maritimen Unter- 
nehmungen in dem Ocean westlich von Afrika wurden die ersten Grundlagen 
eines Planes geschaffen, welcher schliefslich darin erfolgreich war, den direkten 
Verkehr mit den Handelscentren Asiens herzustellen und das Monopol des 
moslemitischen Ueberland-Zwischenhandels zu zerstören. 
Durch die Erfindungen auf dem Gebiete der nautischen Wissenschaften 
wurden die Seeleute befähigt, aufser Sicht des Landes zu segeln, es drängte sich 
ihnen die Nothwendigkeit sorgfältiger astronomischer Beobachtungen auf, nach 
denen allein eine zuverlässige Weltkarte aufgebaut werden konnte. 
Das wissenschaftliche Interesse allein würde schwerlich ein genügender 
Hebel für Heinrichs Arbeit gewesen sein; er war erfolgreich durch die 
Möglichkeit, an den Ehrgeiz und die Begierden einer jungen und mächtigen
	        
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