Prinz Heinrich der Seefahrer.
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1/ı5, welches thatsächlich das gesammte geographische Wissen des christlichen
Mittelalters repräsentirte.
In Camoens’ „Lusiade“, dem National-Epos Portugals, ist Heinrich der
„edle“ Prinz, der zuerst
„Opened up those wastes of tide
No Generation opened before“,
und sein Werk ist wesentlich ein Werk der Vorbereitung und des Uebergangs,
welches die Fäden der Vergangenheit aufnahm und die zukünftigen ’haten vor-
bereitete, die Entdeckungen des Columbus, de Gama’s, und Magelhaens’. Denn
wenn auch der Prinz diese Erfolge nicht erlebte, so waren sie doch lediglich
dem Impuls zu verdanken, welcher von ihm ausging, und dem Beispiel, welches
er gab.
Bei all dieser Arbeit leiteten den Infanten drei Gesichtspunkte: zunächst
die Erforschung der unbekannten Welt und zwar namentlich die Entdeckung des
Seeweges um Afrika nach Indien; sodann die Gründung von Kolonien für sein
Vaterland und endlich die Bekehrung der Heiden. Mit solchen Zielen vor sich,
machte er sich daran, die Mauer abergläubischer Furcht und Ignoranz niederzu-
reißen, welche schon so lange das Christenthum auf einen engen Theil des west-
lichen Europas beschränkt hatte, Aber um ein getreues Bild der Stellung
Heinrichs in der Geschichte unseres geographischen Fortschritts zu gewinnen,
müssen wir auf die verschiedenen Stufen der Vorbereitung für seine Aufgaben
zurückschauen, indem wir von der Gesammtheit des Wissens und der Kenntnisse
ausgehen, welche die Wissenschaft des griechisch-römischen Reiches der christ-
lichen Welt übermacht hatte.
Zunächst, in den Zeiten von Konstantin bis zu Karl dem Grofsen,
trug das meiste von Europäern an Entdeckungen überhaupt oder Reisen irgend
welcher Art gezeigte Interesse den Charakter der Pilgerfahrten; dann rüttelte die
vom Norden ausgehende Bewegung der Wikinger oder skandinavischen Piraten
und Seeräuber die schwerfälligern Nationen des Westens zu neuer Thätigkeit
auf, sie führte auf der einen Seite zu der ersten thatsächlichen Entdeckung von
Amerika (Vinland), auf der anderen zu der Gründung des mittelalterlichen , russischen
Königreiches, sie bewirkte endlich das aufserordentliche Anwachsen der Pilger-
fahrten und Reisen nach dem Osten, wodurch die Kreuzzüge vorbereitet und
unvergängliche Früchte jener grofsen Umwälzung gezeitigt wurden.
Die Kreuzzüge selbst, die Haupt-Aera in der Geschichte der lateinischen
Christenheit und christlicher Forschung, erzeugten nach drei Richtungen hin
einen Aufschwung westlichen geographischen Strebens, nämlich die Landreisen
nach dem Osten, die Atlantischen Oceanreisen und den wissenschaftlichen Fort-
schritt. Die Reisen Marco-Polo’s und der Ordens-Missionare des 13. und
14. Jahrhunderts beweisen diesen Gang der Entwickelung ebenso wie die Unter-
nehmungen der genuesischen, catalonischen, französichen und portugiesischen See-
fahrer auf dem dunklen Ocean in den Jahren 1291 bis 1410. Die Erfindung
oder Uebertragung des Kompasses und des Astrolabiums sowie die Ergänzungen
und Verbesserungen in den Land- und Seekarten durch die neuen italienischen
Küstenvermessungen bezw. die Portolani beweisen zur Genüge den Einflufs der
Kreuzzüge auf die Wissenschaft,
Durch die Aufnahme der Landreisen nach dem fernen Osten wurde dem
christlichen Westen zuerst klar, was man von den Schätzen der Araber und den
Reichthümern Indiens zu gewinnen vermöge, welche seit der frühesten Zeit das
Ziel aller Handelsrouten gewesen. Durch die Förderung der maritimen Unter-
nehmungen in dem Ocean westlich von Afrika wurden die ersten Grundlagen
eines Planes geschaffen, welcher schliefslich darin erfolgreich war, den direkten
Verkehr mit den Handelscentren Asiens herzustellen und das Monopol des
moslemitischen Ueberland-Zwischenhandels zu zerstören.
Durch die Erfindungen auf dem Gebiete der nautischen Wissenschaften
wurden die Seeleute befähigt, aufser Sicht des Landes zu segeln, es drängte sich
ihnen die Nothwendigkeit sorgfältiger astronomischer Beobachtungen auf, nach
denen allein eine zuverlässige Weltkarte aufgebaut werden konnte.
Das wissenschaftliche Interesse allein würde schwerlich ein genügender
Hebel für Heinrichs Arbeit gewesen sein; er war erfolgreich durch die
Möglichkeit, an den Ehrgeiz und die Begierden einer jungen und mächtigen