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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Ann. d. Hydr. ete., XXI. Jahrg. (1894), Heft VI. 
Prinz Heinrich der Seefahrer.‘ 
Die „Royal Geographical Society“ zu London feierte am 5. März in be- 
sonderer Sitzung die 500Jährige Wiederkehr des Geburtstages Prinz Heinrichs des 
Seefahrers, des Vaters der maritimen Entdeckungsreisen und der modernen geo- 
graphischen Forschung. 
Der Präsident, Herr Clements R. Markham, eröffnete die Sitzung mit 
folgendem Vortrag: 
„Wir haben uns heute Abend versammelt, um die 500jährige Wiederkehr 
des Geburtstages jenes berühmten Prinzen festlich zu begehen, welchen die Geo- 
graphen und Seefahrer stets als den Begründer und Schöpfer ihrer modernen 
Wissenschaft betrachten werden, Wir ehren sein Gedächtnifß, wenn wir uns der 
Fähigkeit, des Muthes und der unbegrenzten Ausdauer und Energie erinnern, 
welche er einem Werke widmete, das uns so theuer ist; und diese Verehrung 
wird erhöht, wenn wir erfahren, dafs er mit solchen hohen Eigenschaften eine 
Frömmigkeit, eine Reinheit des Lebens verband, welche uns anderswo nur von 
einem Marcus Aurelius, einem Alfred und dem heiligen Ludwig berichtet 
werden. 
Bevor ich in aller Kürze auf die Persönlichkeit und die Lebensarbeit des 
Prinzen Heinrich eingehe, möchte ich mit wenigen Worten die Autoritäten er- 
wähnen, denen wir unsere Kenntnifs von ihm verdanken. In dieser Hinsicht sind 
wir 500 Jahre nach seiner Geburt weit glücklicher daran, wie unsere Väter. Sie 
kannten den Prinzen nur nach zerstreuten Notizen in dem grofsen Werk von 
De Barros und in der Erzählung von Cadamosto. Im Jahre 1837 dagegen wurde 
in der Bibliothek von Paris das Manuskript der Chronik von Gomes de Azurara 
entdeckt, einer Chronik der Entdeckung von Guinea nach den Instruktionen des 
Prinzen Heinrich, geschrieben auf Anordnung seines Neffen, Alfons V. Sie war 
zusammengestellt nach der einfachen Erzählung eines der Seeleute des Prinzen 
und giebt uns viele werthvolle, bis dahin unbekannte Details. Seitdem erhielten 
wir die portugiesische Biographie des »Candido Lusitano« (1758); in Deutschland 
wurde eine Biographie durch Professor Wappaeus, Göttingen, veröffentlicht, und 
im Jahre 1868 erschien das hervorragende Werk meines verstorbenen Freundes 
und Kollegen Mr. Major »Life of Prince Henry the Navigator«. 
Prinz Heinrich wurde am 4. März 1394 zu Oporto geboren. In Rücksicht 
auf den Sonntag haben wir die Feier einen Tag verschieben müssen. In Oporto 
begann die Feier schon gestern und sie wird einige Tage dauern. Des Prinzen 
Vater war der berühmte König Johann I., welcher sein Land in der Schlacht von 
Aljubarrota (31. August 1385) rettete und der sich ebenso sehr als grofser Staats- 
mann wie als tapferer Krieger bewährte. Wir sind stolz in dem Gedanken, dafs 
500 Engländer sein Heer verstärkten, wie Froissart uns erzählt; dal er ein enges 
Bündnifs mit England schlofs und daß er Philippa von Lancaster, eine englische 
Prinzessin, heirathete. 
Prinz Heinrich hatte Glück mit seinen Eltern und Brüdern. Der älteste, 
König Eduard, schrieb ein kleines Buch »The Loyal Councillor«, welches ein 
einfaches, liebenswürdiges Bild der häuslichen Beziehungen der Mitglieder jener 
berühmten Königsfamilie giebt. Als König Johann im Jahre 1415 seine Expedition 
gegen Ceuta organisirte, waren seine drei ältesten Söhne alt genug, ihn zu be- 
gleiten, um sich die Sporen zu verdienen. Ihre englische Mutter hielt drei 
Schwerter für sie bereit, mit denen sie zu Rittern geschlagen und umgürtet werden 
sollten. Aber eine tödtliche Krankheit ergriff die Königin, kurz bevor die Ex- 
pedition absegelte. Beinahe ihre letzten Worte waren, daß es ein günstiger Wind 
sei und dafs die Abfahrt am Tage des Festes von St. Johann stattfinde. Ihr 
Gemahl sorgte dafür, dafs dies eine zutreffende Prophezeiung werde. Prinz 
.) Aus dem „Geographical Journal‘, Maiheft 1894, auszugsweise übersetzt.
	        
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