Ein neues Lehrbuch der Meteotologie.
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habe.!) Ich meine die polare Grenze der westlichen Winde und der Druck-
abnahme gegen den Pol hin bei ca 60° Br. Herr Prof. Davis schreibt mir über
diese Frage:
„Was die niedrigen Drucke an den Polen betrifft, so fürchte ich, meine
Ansicht übertrieben ausgedrückt zu haben. Indem ich immer die nach der ein:
fachen Konvektionstheorie begründete Erwartung‘ im Auge habe, dafs die Polar-
regionen einen viel höheren Druck besitzen müfsten als die übrige Erde, betrachte
ich stets die vorhandenen Drucke als „erniedrigt“ und bin so dazu gekommen,
sie als „niedrig“ zu bezeichnen. Die 'Uhatsachen, wie Sie sie antühren, und wie
Buchans vortreffliche Karten in Polarprojektion sie zeigen, weisen eine :aus-
gesprochene Zunahme des Druckes um den Nordpol auf; doch ist dieser verstärkte
Druck nicht so grofs, wie der Druck bei 30° N-Br; er ist hoch nur im Vergleich
zu den örtlich anomal niedrigen Drucken der nördlichen Oceane, Diese niedrigen
Drucke auf den nördlichen ÖOceanen sind wesentlich das Ergebnifs ihrer anomal
hohen Temperaturen; und diese ihrerseits werden durch die eigenthümliche Kon-
centration der Wirkung von Meeresströmen bedingt, welche eine Folge der Form
der Festländer ist. Auf diese Weise bin ich, wenn auch etwas indirekt, dazu
geführt worden, anzunehmen, dafs die eigenthümliche Vertheilung des Luftdrucks
in unseren hohen nördlichen Breiten nicht als charakteristisch für planetarische
oder terrestrische Bedingungen allein gelten kann, sondern zum größeren Theile
auf kontinentale Modifikationen terrestrischer Bedingungen zurückzuführen ist.
Dieser Glaube wird bestärkt durch einen Blick auf die südliche Halbkugel, wo
die Abnahme des Druckes zum Pole hin so regelmäfsig und kontinuirlich scheint;
obschon ich neuerdings gelesen habe, dafs die am weitesten vorgeschobenen
Beobachtungen im Süden ebenfalls einen höheren Luftdruck um den Pol mit
ausströmenden südlichen Winden andeuten, Die allgemeine Abnahme der Ge-
schwindigkeit im cirkumpolaren Wirbel infolge der Unterbrechung seiner Strom-
linien durch Länder und Berge mufs ebenfalls dahin wirken, die vollständige
Umwandelung des erwarteten hohen Druckes am Pol in niedrigen Druck zu
verhindern.“ .
So unbekannt und unzugänglich auch die höheren südlichen Breiten sind,
30 kann doch darüber kaum ein Zweifel sein, dafs auch auf der südlichen Halb-
kugel die Abnahme des Luftidrucks nach dem Pole hin und die damit zusammen-
yehenden „braven Westwinde“, so stark entwickelt auch beide in 40° bis 60° S-Br
sind, nicht einmal bis zum Polarkreise reichen. Schon die Erfahrung der Segel-
schiffe bei der Umschiffung des Kap Horn zeigt, dafs dieselben, namentlich im
Südwinter, erheblich häufiger östliche Winde antreffen, wenn sie in höhere Breiten
hinaufgehen, als wenn sie sich diesseits 57° S-Br halten. Die 157 Tage, welche
die Expeditionen von Cook und James Ross südlich vom 65. Parallel (in 105°
bis 176° O-Lg) verbracht haben, ergeben, wenn man die in Coffin’s ‚„Winds of
the Globe“ angeführten Zahlen addirt und auf 8 Richtungen reducirt, folgende
Anzahl von Windbeobachtungen:
N NE E SE Ss SW W NW
36 42 107 180 122 130 104 35.
Diese Windvertheilung ist der für die Breiten 40° bis 60° Süd typischen
sehr nahe entgegengesetzt,
In Ferrel’s frühen Schriften finden wir diese polaren und östlichen Winde
auf beiden Polarkappen ausdrücklich anerkannt; später hat er dieselben zwar
nicht bestritten, aber übergangen. Scheinbar bilden sie den größten Gegensatz
zu Ferrel’s Schema für diejenige Gestaltung der Luftcirkulation, welche bei
reibungsloser Bewegung eintreten müfste; denn nach diesem sollte der Luftdruck
an den Polen und bis zu beträchtlicher Entfernung von denselben Null sein resp.
die Atmosphäre sich von den Polen zurückziehen. Allein das gilt nur für eine
Atmosphäre, welche als Ganzes und ohne Rest sich an der Cirkulation zwischen
hohen und niederen Breiten und dementsprechend an der schnellen westlichen
Strömung in der gemäßigten Zone betheiligt. Sobald es aber Luftmassen giebt,
welche diese Bewegung nicht besitzen, — und solche müfste es, auch wenn gar
ı) S. diese Annalen 1894, S. 23. Im letzten Absatze ist an dieser Stelle durch ein Versehen
die _Oesterr. Meteor. Zeitschr.“ vom Jahre 1892, statt 1882, eitirt.