accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Ein neues Lehrbuch der Meteotologie. 
195 
habe.!) Ich meine die polare Grenze der westlichen Winde und der Druck- 
abnahme gegen den Pol hin bei ca 60° Br. Herr Prof. Davis schreibt mir über 
diese Frage: 
„Was die niedrigen Drucke an den Polen betrifft, so fürchte ich, meine 
Ansicht übertrieben ausgedrückt zu haben. Indem ich immer die nach der ein: 
fachen Konvektionstheorie begründete Erwartung‘ im Auge habe, dafs die Polar- 
regionen einen viel höheren Druck besitzen müfsten als die übrige Erde, betrachte 
ich stets die vorhandenen Drucke als „erniedrigt“ und bin so dazu gekommen, 
sie als „niedrig“ zu bezeichnen. Die 'Uhatsachen, wie Sie sie antühren, und wie 
Buchans vortreffliche Karten in Polarprojektion sie zeigen, weisen eine :aus- 
gesprochene Zunahme des Druckes um den Nordpol auf; doch ist dieser verstärkte 
Druck nicht so grofs, wie der Druck bei 30° N-Br; er ist hoch nur im Vergleich 
zu den örtlich anomal niedrigen Drucken der nördlichen Oceane, Diese niedrigen 
Drucke auf den nördlichen ÖOceanen sind wesentlich das Ergebnifs ihrer anomal 
hohen Temperaturen; und diese ihrerseits werden durch die eigenthümliche Kon- 
centration der Wirkung von Meeresströmen bedingt, welche eine Folge der Form 
der Festländer ist. Auf diese Weise bin ich, wenn auch etwas indirekt, dazu 
geführt worden, anzunehmen, dafs die eigenthümliche Vertheilung des Luftdrucks 
in unseren hohen nördlichen Breiten nicht als charakteristisch für planetarische 
oder terrestrische Bedingungen allein gelten kann, sondern zum größeren Theile 
auf kontinentale Modifikationen terrestrischer Bedingungen zurückzuführen ist. 
Dieser Glaube wird bestärkt durch einen Blick auf die südliche Halbkugel, wo 
die Abnahme des Druckes zum Pole hin so regelmäfsig und kontinuirlich scheint; 
obschon ich neuerdings gelesen habe, dafs die am weitesten vorgeschobenen 
Beobachtungen im Süden ebenfalls einen höheren Luftdruck um den Pol mit 
ausströmenden südlichen Winden andeuten, Die allgemeine Abnahme der Ge- 
schwindigkeit im cirkumpolaren Wirbel infolge der Unterbrechung seiner Strom- 
linien durch Länder und Berge mufs ebenfalls dahin wirken, die vollständige 
Umwandelung des erwarteten hohen Druckes am Pol in niedrigen Druck zu 
verhindern.“ . 
So unbekannt und unzugänglich auch die höheren südlichen Breiten sind, 
30 kann doch darüber kaum ein Zweifel sein, dafs auch auf der südlichen Halb- 
kugel die Abnahme des Luftidrucks nach dem Pole hin und die damit zusammen- 
yehenden „braven Westwinde“, so stark entwickelt auch beide in 40° bis 60° S-Br 
sind, nicht einmal bis zum Polarkreise reichen. Schon die Erfahrung der Segel- 
schiffe bei der Umschiffung des Kap Horn zeigt, dafs dieselben, namentlich im 
Südwinter, erheblich häufiger östliche Winde antreffen, wenn sie in höhere Breiten 
hinaufgehen, als wenn sie sich diesseits 57° S-Br halten. Die 157 Tage, welche 
die Expeditionen von Cook und James Ross südlich vom 65. Parallel (in 105° 
bis 176° O-Lg) verbracht haben, ergeben, wenn man die in Coffin’s ‚„Winds of 
the Globe“ angeführten Zahlen addirt und auf 8 Richtungen reducirt, folgende 
Anzahl von Windbeobachtungen: 
N NE E SE Ss SW W NW 
36 42 107 180 122 130 104 35. 
Diese Windvertheilung ist der für die Breiten 40° bis 60° Süd typischen 
sehr nahe entgegengesetzt, 
In Ferrel’s frühen Schriften finden wir diese polaren und östlichen Winde 
auf beiden Polarkappen ausdrücklich anerkannt; später hat er dieselben zwar 
nicht bestritten, aber übergangen. Scheinbar bilden sie den größten Gegensatz 
zu Ferrel’s Schema für diejenige Gestaltung der Luftcirkulation, welche bei 
reibungsloser Bewegung eintreten müfste; denn nach diesem sollte der Luftdruck 
an den Polen und bis zu beträchtlicher Entfernung von denselben Null sein resp. 
die Atmosphäre sich von den Polen zurückziehen. Allein das gilt nur für eine 
Atmosphäre, welche als Ganzes und ohne Rest sich an der Cirkulation zwischen 
hohen und niederen Breiten und dementsprechend an der schnellen westlichen 
Strömung in der gemäßigten Zone betheiligt. Sobald es aber Luftmassen giebt, 
welche diese Bewegung nicht besitzen, — und solche müfste es, auch wenn gar 
ı) S. diese Annalen 1894, S. 23. Im letzten Absatze ist an dieser Stelle durch ein Versehen 
die _Oesterr. Meteor. Zeitschr.“ vom Jahre 1892, statt 1882, eitirt.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.