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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Bemerkungen über den Hafen von Tocopilla, Chile. 
besteht, doch bedarf es hierzu jedesmal einer besonderen Erlaubnißs vom Hafen- 
meister. 
Lebensmittel sind in Tocopilla zu mäfsigen Preisen zu‘ haben. Die 
chilenischen und englischen Küstendampfer, die man als schwimmende Märkte 
betrachten kann, laufen wöchentlich auf ihren Fahrten nordwärts und südwärts 
längs‘ der Küste hier ein. Kleine Reparaturen in Eisen können in der Reparatur- 
werkstätte der Eisenbahngesellschaft ausgeführt werden. Ein deutsches Konsulat 
ist nicht am Platze, die Meldungen sind an das Konsulat in Antofagasta zu 
richten. Erkrankte Seeleute finden in einem Hospital Aufnahme. ‘') 
115 
Notizen, 
Bleivergiftungen an Bord. Herr Kapt. Müller, Führer des Bremer 
Schiffes „Gustav & Oscar“, berichtet der Seewarte das Folgende: 
Ich verliels Singapore am 31. März 1893 mit einer Ladung Sagomehl 
und Rotang (Stuhlrohr); der Gesundheitszustand an Bord war bis zu dem letzten 
Abschnitt der Reise vorzüglich zu nennen. 
Das Schiff war mit ausgezeichnetem Proviant, Erfrischungen etc. weit 
über den Bedarf für diese Reise ausgerüstet, die Tanks und Wasserfässer waren 
in Singapore frisch gefüllt worden; dieses Wasser soll, wie allgemein bekannt, 
sehr gut sein. Nachdem wir 110 Tage in See, den Nordostpassat durchsegelt 
hatten, klagte der erste Steuermann über zunehmende Schwellungen der Beine, 
mit der Zeit stellten sich andere Erscheinungen ein. 
Acht Tage später wurde auch ich von derselben Krankheit befallen; ich 
will hiermit die am eigenen Körper wahrgenommenen Erscheinungen von Anfang 
bis zur Heilung wiedergeben. 
In den Beinen oberhalb des Knöchels bis zum Knie stellte sich in den 
ersten Tagen ein merkwürdiges Gefühl ein: Stechen, Stockungen des Blutes, 
darauf kamen Schwellungen der Füfse, der Beine, des Unterleibes, der Arme 
and des Gesichts vor, der ganze Körper war wie abgestorben und unempfindlich 
beim Kueifen oder Stechen mit einer Nadel. Der Appetit hörte gänzlich auf, 
der Geruch oder nur das Sehen von Speisen erregte Ekel, der Magen gab seine 
Thätigkeit auf und die etwa mit Gewalt genossenen Speisen gingen unverdaut ab 
oder wurden wieder ausgebrochen. Der Stuhlgang war schon vor dem Ausbruch 
der Krankheit theerartig und quälend. 
Bei fürchterlichen Schmerzen im Unterleib, Herzklopfen, Athemmnoth, 
Erbrechen von Schleim und blutigem Wasser schwanden die Kräfte schnell, und 
war es die höchste Zeit für mich sowie dem ersten Steuermann, dafs wir unser 
Endziel London in 140 Tagen erreichten. Nach mir erkrankten noch nach und 
nach der Zimmermann, Segelmacher und der Koch (Chinese). Bei jedem der- 
selben waren die Erscheinungen dieselben wie bei mir. 
Anfangs glaubte ich, dafs der Skorbut ausgebrochen wäre, und traf dafür 
meine Anordnungen, doch zeigte sich ja bald, dafs ich mich geirrt, denn die 
hauptsächlichsten Symptome dieser Krankheit blieben aus; meine Doktorbücher 
yaben mir keine Auskunft, und ich stand in der Behandlungsweise vor einem 
Räthsel. 
Ich, der erste Steuermann und der Segelmacher verblieben in London an 
Bord, dagegen wurden die übrigen Leute dem Lazareth überwiesen. Ein tüchtiger 
deutscher Arzt nahm uns in Behandlung, durch denselben wurden andere ärzt- 
liche Autoritäten hinzugezogen. Zuerst glaubte man, es mit dem auf Java herrschen- 
den Fieber, unter dem Namen Beriberi bekannt, zu thun zu haben, doch wurde 
einstimmig später die Krankheit mit Bleivergiftung bezeichnet. Die Entstehung 
wurde dem Genufs von Präservefleisch in Zinnbüchsen oder Loslösung gelötheter 
Theile von Kochtöpfen etc. zugeschrieben. 
‘\ Siehe diese Annalen, Jahrg. 1888, S. 337 und 1889, S. 448,
	        
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