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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1894.
Schiffbrüchige, die ruhelos umherkletterten, um sich warm zu erhalten, denn sie
safsen dort schon seit der Nacht. Die Schiffskörper waren völlig unter Wasser.
Am Vormittag waren bereits zwei Schlepper, „Borkum“ und „Texel“, und zwei
Rettungsboote zu den Verunglückten hinausgegangen; Näheres über deren
Schicksal war aber einstweilen nicht in Erfahrung zu bringen; ein Theil der
Schiffbrüchigen sollte gerettet sein und ein Schlepper treiben. Die Rettungs-
boote konnten des widrigen Windes halber aber nicht nach Cuxhaven zurückkommen.
Inzwischen nahm der Wind noch immer zu. Mittags zwischen 12 und 1 Uhr
lief das Wasser über die Hafenmauer und überschwemmte sämmtliche Fahrdämme
in der Nähe des Hafens; das Telegraphenamt, Erath’s Hotel, mehrere Wohn-
häuser und Schuppen, die über den Hafen führende Drehbrücke und der jenseits
des Hafens belegene Hafenbahnhof waren völlig von Wasser umgeben. Zwei
Lootsschoner erreichten mit Mühe den Hafen, der eine hatte das Fockstag ge-
brochen. Erst um 3 Uhr nahm der Sturm etwas ab und das Wasser begann
langsam zu sinken. Es hatte fast 7 m hoch gestanden! Gegen 4 Uhr waren
die Fahrdämme am Hafen wieder frei, und sofort ergofs sich die Menschenmenge
wieder nach dem Hafen hinaus: es hiefs, dafs wieder ein Schlepper mit einem
Rettungsboot nach den Wracks an der Nordseite hinausfahren werde. Man sah
denn auch alsbald den Schlepper „Terschelling“ mit einem Boot in die viel
ruhiger gewordene See hinausschiefßsen. Es war die höchste Zeit, denn nach
Eintritt der Dunkelheit hätten die armen Leute, die noch immer an ihrem Mast
auf und abkletterten, schwerlich gerettet werden können. Die Ferngläser flogen
an Aller Augen. Nach etwa einer halben Stunde haben Schlepper und Rettungs-
boot das Wrack erreicht, das Boot geht so nahe, als es kann, heran. Endlich
sind die drei gespenstigen Stangen in der grauen dunstigen Ferne ganz leer —
die Leute sind gerettet nach langer Qual, und das Boot sucht jetzt den ersten
besten Hafen auf, den es erreichen kann; nach Cuxhaven kann es widriger
Winde halber nicht zurückkommen. — Die Dämmerung bricht herein; das Wasser
sinkt; der Sturm nimmt ab. Aber mit der Dämmerung trifft eine Hiobspost ein,
eine herzzerreifsende Nachricht: wohl sind die beiden am Vormittag hinaus-
gegangenen Rettungsboote geborgen: das eine in Friedrichskoog, das andere in
Geversdorf; der Schlepper „Borkum“ ist mit gebrochenem Rudergeschirr elbauf-
wärts gegangen — aber der mit ihm zugleich hinausgegangene Schlepper „Texel“
soll mit Mann und Maus untergegangen sein!“
Glücklicherweise war diese Nachricht nicht richtig, wie sich bald heraus-
stellte. Der „Texel“, Kapt. Peter Cohrs, einer der besten Hamburger See-
schlepper, blieb auf einer Sandbank sitzen und wurde von den Fluthen über-
spült; die an Bord befindlichen sechs Leute, die mit Anderen hinausgeeilt waren,
um bedrängte Männer zu retten, waren jetzt selbst dem Verderben ausgesetzt.
Von 8 Uhr morgens bis zum Nachmittag um 2 Uhr waren die Braven dem Tode
nahe, an eine Rettung haben sie selbst nicht mehr geglaubt. Als die Noth am
höchsten, die Schraube des Schiffes durch das viele Aufstofsen zerbrochen war,
machte man das Boot klar und verliefßs den entsetzlich überholenden Dampfer.
Ein Heizer war zum Verlassen des „Texel“ trotz alles Zuredens seiner Leidens-
gefährten nicht zu bewegen. Das kleine Fahrzeug stieß in der fürchterlichen
Brandung von dem jetzt festsitzenden Dampfer ab und kam nur äußerst langsam
weiter. Der Zurückgebliebene kletterte, wie dies vom Boot aus bemerkt worden,
am Mast empor. Während dessen kenterte der „Texel“, und um den Unglück-
lichen war es geschehen. Nach unsäglichen Mühen retteten sich die Schifbrüchigen
nach dem neu angelegten Kaiser Wilhelms Koog, wo sie von den Deichbewohnern
verpflegt und mit Kleidern versehen worden sind. Der „Texel“ sitzt nordöst-
lich von Cuxhaven, in der Nähe der holsteinischen Küste im Sande; Mast und
Schornstein ragen aus dem Wasser hervor. Die Leute der „Ellida“ sind bis
auf einen Jungen, der starb, geborgen. Von der Bark „Lake Simcoe“ brachte
der Schlepper „Goliath“ 11 Mann ans Land, die anderen blieben an Bord des
dicht gebliebenen Schiffes,
In den Hamburger Häfen hat der Sturm mancherlei Schaden gethan.
Dampfer und Leichter, Schuten und Jollen wurden von ihren Vertäuungen los-
gerissen, trieben in grofser Anzahl umher und machten den in Betrieb befind-
lichen Fahrzeugen viel zu schaffen. Der Firma Heidmann allein sind acht
Schuten mit Kohlen gesunken. Am Steinhöft, an den Kajen, am Meßberg