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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1894,
Ueber die Gewitter und St. Elmsfeuer am 10, Februar findet man
Angaben auf Seite 73 bis 75 des vorigen Heftes dieser Annalen zusammengestellt.
In derselben Schneeböe wie in Altenwerder soll in geringer Entfernung davon, in
Lauenbruch bei Harburg, das St. Elmsfeuer grofsartig gewesen sein: nicht allein die
Spitzen von Flaggenmasten und von Zweigen, sondern auch ein Reiter erschien in
Licht gehüllt. Nachzutragen ist ferner eine interessante Nachricht von Itzehoe, wo-
nach am 10. Februar auch bei Neuenbrook während der Zeit von 6!/a bis 7 Uhr abends
ein prächtiges St. Elmsfeuer beobachtet worden ist. Bei der Erscheinung, die
mehrere Minuten zu beobachten gewesen ist, hat man plötzlich die Bäume in
ihren Spitzen leuchten sehen, zuerst die gröfseren, dann aber auch alle kleineren
und auch die Weiden, die im letzten oder vorletzten Jahre geköpft sind, Es
hat dem Beobachter den Eindruck gemacht, als wären es längliche Lichter, die
auf den Zweigspitzen leuchteten. Mit Eintritt dieser Erscheinung ist auch das
Hagelwetter eingetreten. Einen ganz ähnlichen Bericht über Gewitter und Elms-
feuer von diesem Tage um genau dieselbe Zeit, 6!/2 Uhr abends, aus Massow in
Pommern bringt „Das Wetter“, 1894, Seite 72. An den Zweigspitzen von etwa
30 jungen Chausseebäumen erglänzten „bläuliche, fast runde Flammen“ von an-
seheinend 5 cm Durchmesser. — Am 12. Februar trat in Rostock aufser um 6 Uhr
morgens auch um 4% Uhr nachmittags Gewitter auf,
Die grofse räumliche Ausdehnung des Sturmes ersieht man aus den
Zeitungsnachrichten und aus der vorstehenden Wetterkarte. Am Montag
Morgen reichte er von Südnorwegen, wo das Centrum der barometrischen ‚De-
pression mit unter 712 mm Barometerstand lag, bis zu den Alpen,!) und von Wales
bis Mittelschweden. Das barometrische Minimum pflanzte sich sehr rasch genau
von West nach Ost fort; es lag am Sonntag Abend noch westlich von Schottland,
am Dienstag Morgen schon in Esthland. Abweichend von dem Gewöhnlichen,
war es auf seiner stürmischen Südseite von keinen erheblichen Theilminima be-
gleitet; wie gewöhnlich aber war es ungleichseitig entwickelt, an seiner Nord-
seite wehten nur leichte östliche Winde. Bei dem Sturm vom 11. Dezember
1891, den man aus neuerer Zeit am ehesten zum Vergleich heranziehen kann, da
in ihm annähernd dasselbe Maximum der Windgeschwindigkeit auf der Seewarte
beobachtet wurde und viele Schäden an Dächern u. s. w. in Hamburg-Altona
entstanden, wanderte das Hauptminimum von den Hebriden zu den Lofoten, aber
an seiner Südseite ein Theilminimum von Südschottland nach Stockholm, und der
Vorübergang des letzteren war es, mit dem der kurz dauernde schwere Sturm
verbunden war.)
Von den unzähligen Zeitungsberichten über diesen Sturm können wir hier
nur einige wenige wiedergeben, die aber zur flüchtigen Charakteristik des Auf-
tretens und der Wirkungen dieses grofsartigen Naturereignisses genügen mögen.
Vielleicht der auffälligste Beweis von seiner aufsergewöhnlichen Kraft ist der
Umstand, daß an den meisten äufseren Leuchtschiffen von Terschelling bis zur
Eider die schweren Ankerketten gebrochen und die Schiffe von ihren Stationen
vertrieben sind,
Schon auf den Britischen Inseln, wo dieser Sturm auf seiner Fortpflanzung
von West nach Ost zuerst auftrat, hat er bedeutende Verwüstungen hinterlassen.
Wenigstens scheint das Umstürzen der Kirchthürme von Peterhead und Bootle,
sowie zahlreicher Schornsteine, speciell in diesem letzten Sturm und nicht etwa
in einer früheren Phase dieser so aufßserordentlich stürmischen sechs Tage erfolgt
zu sein, und ebenso auch die Strandung des deutschen Schiffes „Franz von Mathis“
bei Deal.
Von der Heftigkeit dieses Sturmes an der englischen Westküste giebt
ein in No. 99 (1. Beilage) der „Hamburger Börsenhalle“ abgedruckter Brief von
Bord der Bremer Bark „Madeleine Rickmers“ ein Bild; dieses Schiff gerieth auf
der Rhede von Cardiff am 11. Februar 9'/s Uhr abends ins Treiben, kollidirte
mit der norwegischen Bark „Argo“ und erlitt durch ein mehrere Stunden
1) Selbst aus Wien meldet eine Zeitungsnotiz vom 12, Februar: Aus allen Theilen des
Landes laufen Meldungen von erheblichen Beschädigungen ein, die der seit drei Tagen wüthende
orkanartige Sturm verursacht hat.
2) Vol. diese Annalen, 1892, S. 47.