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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1893.
vische Küste, wo sie leichter im KEise besetzt werden und, mit der Strömung
fortgeführt, verloren gehen, wie dies die „Jeannette‘“ und einzelne Walfangschiffe,
die mit Mann und Maus verschwanden, beweisen. Neuerdings wagen sich aber
die Schiffe östlich an der amerikanischen Seite weiter und weiter, bis zur Mün-
dung des Mackenziestromes, jenes mächtigen Gewässers, das in einer Länge von
3700 km das weitgestreckte subpolare Flachland Amerikas durchströmt und in
einem Delta auf etwa 69° N-Br und 135° W-Lg mündet. Die Leute richten sich
von vornherein auf eine Ueberwinterung ein. Im vorigen Sommer erreichten so-
gar einige Walfangschiffe, wie wir sehen werden, das auf etwa 127° W-Lg ge-
legene Kap Bathurst. Diese Fischerei in einem neuen Gebiet hat mit einem
überaus reichen Erfolg der Fangdampfer „Mary D. Hume“ eröffnet; nach 2'/2jäh-
riger Abwesenheit kehrte das Schiff am 1. Oktober nach San Francisco zurück.
Aus dem, was uns durch befreundete Hand von daher berichtet wurde, sowie
aus den Mittheilungen einiger in der Stadt am Goldenen Thor erscheinenden
Zeitungen stellen wir das Nachfolgende zusammen:
San Francisco, 1. Oktober. Gestern kam der Dampfwaler „Mary D. Hume“,
von einem Dampfschlepper bugsirt, in vollem Flaggenschmuck die Bai herauf
und legte an die Werft der Arctic Oil Works am Potrero. Schon seit zwei
Tagen wurde das Schiff erwartet, denn die Nachricht von dem märchenhaft
reichen Fange war schon ein paar Tage früher durch ein Schiff der North Ame-
rican Commercial Company überbracht worden. Kapitän James Tilton und
seine sechzehn Leute wurden von anderen Seeleuten auf das Herzlichste bewill-
kommnet, und während zweier Tage war das Seemannshaus (sailor’s boarding
house), wo die aus dem Eismeer Gekommenen Wohnung nahmen, von Theilneh-
menden und Neugierigen außerordentlich stark besucht. Das Ergebnifs des
ganzen, in 2'/2 Jahren gemachten Fanges des „Hume“ waren 104600 Pfund
Barten im Werthe von 630000 Doll. und 400 Fuchsfelle; 40000 Pfund brachte
das Schiff selbst, 64600 Pfund wurden in verschiedenen Schiffen vorausgeschickt.
Vom Fange erhält die Mannschaft den ausbedungenen Antheil, der Kapitän
allein für sich 40000 Doll. Den Gewinn der Rheder?) schätzt man dabei immer
noch auf 500 000 Doll. Ueber die Reise wird Folgendes berichtet:
Der Waldampfer „Mary D. Hume“, dessen Tragfähigkeit nur 88 Tonnen Netto
beträgt, verliefs San Francisco zur Fahrt ins Eismeer am 19, April 1890. Bei Una-
lashka verlor das Schiff zwei Leute; sie machten eine Fahrt im Boote, letzteres schlug
um, zwar wurden sie schliefslich noch lebend aufgefischt, sie starben aber an Er-
schöpfung. Mit dem Dampfer „Grampus“ und dem Segelschoner „Nicoline“,
Kapitän Herendien, wurde der Kurs ostwärts längs der amerikanischen Küste
des Eismeers genommen, und es gelang, bis weit über Point Barrow hinaus zur
Herschel-Insel auf 139° W-Lg zu kommen. Hier wurde der erste Winter ver-
bracht. Die Kälte war entsetzlich streng.
Einige von den Leuten des „Grampus“ und der „Nicoline“ machten mit
zweien vom „Hume‘“ den Versuch einer Flucht an Land zu den Kingeborenen,
sie wurden jedoch eingeholt, auf die Schiffe zurückgebracht und dort schwer be-
straft. Die Schiffe hatten bisher noch keinen Fang gemacht, die Kapitäne hielten
die strengste Disciplin aufrecht. Die Kapitäne entschlossen sich nun, bei Auf-
bruch des Eises im Sommer 1891 abermals weiter ostwärts fahrend, das bisher
fehlende Fischerglück zu gewinnen, hauptsächlich auf den Rath des Kapt. He-
rendien, eines alten erfahrenen Walfangkapitäns, der indessen, wie er später
erfahren mufste zu seinem gröfsten Schaden, schon 1891 nach San Francisco
ohne Fang zurückkehrte. 30 Sm ostwärts von Kap Bathurst wurde der erste
reiche Walfang gemacht; der Kapitän berichtet, dafs hier die See, soweit das Auge
blickt, offen und eisfrei war. Der „Grampus“ machte im Sommer 1891 eine
Beute von 16 Walen und zog vor, im Herbst zurückzukehren, während Kapt.
Tilton von dem „Hume“ sich entschlofs, noch einen zweiten Winter im Eismeer
(bei der Herschel-Insel) zu verbringen in der Hoffnung, seinen bisher in zwölf
Walen bestehenden Fang noch erheblich zu vergröfsern. Sobald die Bemannung
des „Hume“, so berichtet der Kapitän, den ersten reichen Fang gemacht hatte,
kam ein anderer Geist über sie, und die gröfsten Entbehrungen und Anstren-
gungen wurden willig und standhaft ertragen. Der Winter an der Mündung des
1) Der Pacifie Steam Whaling Company in San Francisco.