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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1893.
Die schweren Stürme in Westeuropa zwischen dem
16. und 20. November 1893.
Die orkanartigen Stürme, welche vom 16. bis 20. November d. J. die britischen
Inseln und zeitweise auch die Küsten Deutschlands und Frankreichs heimsuchten,
sind nicht nur durch ihre Heftigkeit, sondern auch durch ihren Verlauf ungewöhn-
liche und höchst bemerkenswerthe Erscheinungen. Dieselben gehörten einem und dem-
selben mächtigen Luftwirbel an, dessen Mittelpunkt sich vom Ocean vor dem Kanal
nach Schottland, dann nach Italien und endlich nach Mittelrussland verlegte, also auf
einer seltsamen zickzackförmigen Bahn; das Merkwürdige lag aber namentlich
in der eigenartigen, nicht oft zur Beobachtung kommenden Weise, in welcher
diese Verlegung geschah und welche wir unten durch eine Karte näher erläutern.
Dem Erscheinen des grofsen Wirbels am 16. November war die Fort-
pflanzung eines Gebietes hohen Barometerstandes vorausgegangen, welches, nach-
dem es vom 6 bis 12. November eine Woche lang im NW von uns gelegen
hatte, sich am 13. und 14. rasch über Deutschland zum Schwarzen Meere fort-
bewegte. Nördliche und östliche Winde hatten in dieser Zeit vorgeherrscht, die
in Deutschland schwach, im Kanal zeitweise stark wehten. Auf dieses Hoch-
druckgebiet folgten dicht hintereinander eine kleine Depression und ein schmales
Band hohen Druckes, bis am Donnerstag, den 16. November, über Irland sich
die Annäherung einer gröfseren Depression vom Ocean her durch starken Baro-
meterfall und auffrischende Südostwinde anzeigte.
Wie die soeben einlaufende „Pilot Chart“ des Washingtoner hydrographi-
schen Amtes für Dezember 1893 zeigt, hatte der mächtige Wirbel, welcher am
16. November Europa erreichte, bereits eine lange Wanderung hinter sich. Der-
selbe soll am 7. November östlich von Florida über den nördlichsten Bahama-
Inseln entstanden sein, während ein Gebiet hohen Luftdrucks über Neuengland
und den mittleren Atlantischen Staaten lag. Um Greenw. Mittag am 8. hatte
er, den Golfstrom entlang ziehend, nahezu Kap Hatteras erreicht; das Gebiet
hohen Druckes war gleichzeitig ostwärts anf den Ocean verschoben, Am 9. lag
der Mittelpunkt der Depression etwas nördlicher als Kap Hatteras, Schiffe in der
Nähe der Küste berichteten am 8. und 9. Stärken 10 bis 11. Von Hatteras be-
wegte sich der Wirbel mit gröfserer, jedoch ‚wechselnder Geschwindigkeit über
den Ocean fort, wie es das untenstehende Kärtchen zeigt. Auf diesem bezieht
sich die Lage des Centrums auf 8" a Ortszeit, was.im Westen des Oceans mit
12% a Greenw. Zeit nahe zusammentrifft; am 15. und 16. November ist die
Bahn auf demselben etwas weiter nordwestlich gelegt, als in der „Pilot Chart‘,
um den Aufzeichnungen deutscher Schiffsjournale der Seewarte zu entsprechen.
Folgende während des Drucks dieses Heftes einlaufende Nachricht, welche in
diesem Kärtchen nicht mehr Berücksichtigung finden konnte, zeigt, dafs auch am
12. bis 13. November die Bahn nördlicher zu legen ist, da dieses Schiff am
13. bald nach Mitternacht das Centrum in 40,7° N-Br, 38,0° W-Lg passirte.
Auf dem Geestemünder Schiff „Dr. Lasker“, Kapt. A. Bodeewes, frischte
nämlich am 11. November in 39,7° N-Br, 37,8° W-Lg der SSE von leisem Zug
bis zur Stärke 10 und in Stöfsen darüber auf, während das Barometer in diesen
24 Stunden von 759,5 mm auf 758,3 mm fiel; in den folgenden 24 Stunden sank
es weiter bis auf 739,6 mm, während der Wind langsam abnahm und krimpte
bis auf schwachen SE und zeitweise Windstille; vormittags Gewitter, tags über
Regenschauer, jedoch meist halbbedeckter Himmel. Um 2 Uhr nachts am 13. ENE
3 bis 7; um 3* 15 a plötzlich still, Barometer 739,0 mm, gleich darauf Wind mit
Stärke 11 bis 12 und fürchterlichem Regen nach NW, hohe See, das Schiff
förmlich unter Wasser, Von da an starker Sturm, um Somnenaufgang eine
schwere Böe, 11 bis 12, lenzten mit Oelbeuteln; von da an nahmen der Westsüdwest-
wind und die See aus ESE allmählich ab, jedoch mit gelegentlichen schweren
Böen. Ort um Mittag 41,1° N-Br, 34,1° W-Lg. Barometer langsam steigend bis
8° p, wo es auf 744,4 mm stand bei SSW 5 bis 8, darauf neues langsames
Fallen; um 7*p aus einer schwarzen Wolke in unmittelbarer Nähe Blitz und