464 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1893.
schluchten fortschieben. Dies jedoch genügt noch nicht zur Beantwortung der Frage.
Meiner Ansicht nach mufß die Erklärung in dem geologischen Gefüge der beiden
Länder gesucht werden. Dasjenige im Norden ist gröfstentheils aus Sedimentär-
felsen im Wasser gebildet, während im Süden noch keine sedimentären Gebilde
yesehen worden sind — die ganze Küstenlinie wenigstens ist vulkanischen
Ursprungs und daher, wie es der Geologe erklären würde, nicht zur Bildung
tiefer Schluchten geneigt. Diese Frage jedoch würde eine abgesonderte Be-
handlung, und zwar in erster Linie von Geologen, erfordern.
Als wir die kleine Darwin - Insel, die südlichste der Danger - Inseln,
passirten, sahen wir die Paulet-Insel für einen Augenblick durch den Nebel hin-
durch. Die letztere ist eine hohe kegelförmige Insel, die sich bis 750 engl. Fufs
(229 m) über das Meeresniveau erhebt. Der während der ersten fünf Tage unseres
Verweilens zwischen dem Eise herrschende feine oder dicke Nebel verhinderte
uns daran, einen guten Anblick irgend einer dieser Lokalitäten zu erhalten und
verbarg uns Joinville-Insel gänzlich. Einige Tage später hatten wir jedoch eine
Gelegenheit, sie genauer zu untersuchen. Am 23. Dezember trafen wir mit zwei
der anderen, zur schottischen Flotte gehörenden Schiffen zusammen und am
24. dampften wir drei vorwärts und verankerten uns an einer grofsen Eisscholle
auf 64° 23‘ S-Br und 56° 14' W-Lg. Von hier aus hatten wir einen grofsartigen
Anblick der Gebirge von Palmers-Land, welches südlich von Erebus und dem
Terror-Golf gelegen ist. Dieselben schienen eine kleine, in der Spitze des Mount
Haddington gipfelnde Bergkette zu bilden, dessen Höhe Ross zu 7050 engl.
Fuß (2149 m) angiebt. Das Bild an jenem Abende vom Schiffsdeck aus ist
eines der eindrucksvollsten, das mir je vor Augen gekommen ist. Im Westen
lag diese, von der niedrigstehenden Sonne in verschiedenen Schattirungen von
hell und dunkel gehaltene Kette schneebedeckter Gebirge, hier und da ausgestattet
mit der in schroffem Gegensatze zu dem umgebenden Schnee hervorragenden Seiten-
äche einer Klippe oder eines schwarzen Felsens. Im Süden erstreckte sich die mit
zahlreichen kleinen Hügeln und Anhöhen besetzte Eisscholle, so weit das Auge
reichte; nach Osten hinaus lag eine lange Bergkette, die senkrechten Seiten-
Aächen glänzend roth gefärbt von den Sonnenstrahlen. Zwischen diesen Bergen
und der Eisscholle lag eine offene Fläche dunklen Wassers. Im Norden breiteten
sich das lose umhergestreute Eis, kleine Eisberge und die dunklen Wasserkanäle,
durch die wir gerade gedampft waren, aus. Hierüber denke man sich den in den
antarktischen Gebieten so häufig beobachteten lilafarbenen Trugschimmer aus-
gebreitet und man hat, verbunden mit der nur gelegentlich von dem Platsch oder dem
rauhen „Kuannk“ eines Pinguin oder dem weichen „Tuit“ des Schneesturmvogels
unterbrochene vollkommene Stille und Ruhe, ein prächtiges und eindrucksvolles
Schauspiel vor sich. Der Weihnachtstag war unvergefslich. Der gröfsere Theil
desselben war windstill mit hellem Sonnenschein. Während des ersten Theils
des Nachmittags stieg die Temperatur der Luft auf 37° F (+2,8° C). Die
Atmosphäre war sehr klar. Bei Tageslicht erschien das Bild etwas härter an
Umrissen; aber im Zwielichte, bei einer spiegelglatten See und leichtem, sich auf
deren Oberfläche bildendem Eise, wurde der Effekt womöglich erhöht und wirkte
auf Einen wie ein Zauberbild. Am 30. Dezember befanden wir uns wieder in
der Nachbarschaft der Paulet-Insel und während der nächsten 10 Tage hatten
wir vorzügliche Gelegenheit, die Lage des Landes um den südlichen Theil der
Joinville-Insel herum zu beobachten.
DiePaulet-Insel erscheint nicht ganz so abschreckend, wie Rof[s sie beschreibt,
Ihre Höhe beträgt 750 engl. Fufs (229 m). An Gestalt ist sie mehr oder minder
kegelförmig. Ihre Nordseite, von der ich so glücklich bin eine Photographie
zu besitzen, ist beinahe frei von Schnee und bietet ein abschüssiges, mit losen
Steinen bedecktes Gestade dar. Auf diesem waren zahlreiche Pinguine und
Robben gelagert. Dieses Gestade bildet das Ende eines dreieckigen, tief in die
Seitenfläche des Hügels einschneidenden Thales. Wir standen hier von einer
Landung ab, obwohl eine solche leicht hätte bewerkstelligt werden können.
Einen kahlen, im Norden von der Paulet-Insel liegenden Felsen erkannten wir
als die kleine Insel Eden.
{m Westen von der Paulet-Insel ist das Land niedrig und bildet — wie
wir einige Tage später entdeckten — eine abgesonderte Insel. Nach Norden
steigt das Land reilßsend schnell auf zu einer kleinen Gruppe von Hügeln, deren