162 Annalen der‘ Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1893.
zubringen. Das Loth wurde in der Nachbarschaft der kleinen Danger-Insel ge-
worfen, und wir erhielten einige wenige Grundproben. Dieselben werden gegen-
wärtig von Dr. John Murray — von der Challenger-Expedition — und Herrn
Robert Irvine untersucht. Die Tiefe varlirte von 140 bis 600 m und weiter bis
zur unergründlichen Tiefe, Ich brachte mehrere Wasserproben mit zurück, und
diese wurden von Dr. Gibson und Herrn Robert Irvine den aus hohen nörd-
lichen Breiten erlangten Proben ähnlich befunden.
Meteorologie. Perioden schönen ruhigen Wetters wechseln ab mit sehr
schweren, gewöhnlich von Nebel und Schnee begleiteten Stürmen. Das Baro-
meter kam niemals auf 762 mm (30 engl. Zoll). Die Aufzeichnungen über die
Temperatur der Luft sind sehr auffallend; unsere niedrigste Temperatur betrug
20,8° F (— 6,2° ©), unsere höchste 37,6° F (+ 3,1° C), was nur einen Unter-
schied von 16,8° F (9,3° C) in dem gesammten Gange während eines sich über
3twas mehr als zwei Monate erstreckenden Zeitraumes ergiebt; dies vergleiche
man mit unserem Klima, wo man an einzelnen Tagen und Nächten eine Temperatur-
schwankung von mehr als dem Zweifachen jenes Betrages haben kann. Die
Durchschnittstemperaturen zeigen eine noch auffallendere Gleichförmigkeit.
Der Dezember hatte im Durchschnitt 31,14° F (— 0,47° C) aus 115 Ab-
lesungen; der Januar 31,10° F (— 0,50° C) aus 198 Ablesungen; der Februar
29,65° F (— 1,30° C) aus 160 Ablesungen, einen Unterschied von nicht voll
1’%° F (0,8° €). Diesen Umstand halte ich für sehr bezeichnend und der be-
sonderen Beachtung künftiger antarktischer Forscher werth; denn könnte derselbe
sicht eine ähnliche Gleichförmigkeit der Temperatur während des ganzen Jahres
anzeigen? Die antarktische Kälte haben Viele sehr gefürchtet. Die 429 Beob-
achtungen, die ich während des Dezember, Januar und Februar machte, ergeben
eine durchschnittliche Temperatur von nur 30,76° F (— 0,69° €), so war es in
der Mitte des Sommers auf einer im Norden den Faröern entsprechenden Breite,
aber ich glaube, dafs die Temperatur des Winters nicht sehr von derjenigen des
Sommers verschieden sein wird, Diese Gleichförmigkeit der Temperatur erklärt
‘heilweise die grofse Menge des Kises, die sich dort nicht wegen der großen
Strenge des Winters bildet, sondern weil es dort thatsächlich keinen Sommer
giebt, sie zu schmelzen. Auch die Gestaltung von Land und See im Süden
scheint dies zu erweisen. Wollen wir Harvey’s Wahlspruch beherzigen: „Die
Geheimnisse der Natur auf dem Wege des Versuchs zu erforschen und zu studiren“,
Persönlich bin ich nicht in der Lage — so weit mir Geldmittel zu Gebote
stehen — mich dieser Aufgabe zu unterziehen, aber mein Herz hängt daran, und
wenn sich mir auf irgend eine Weise die Gelegenheit dazu bietet, bin ich bereit
dazu, den Winter im antarktischen Gebiete zuzubringen.
Am 18. Februar steuerten wir den Falklands-Inseln zu. Am darauf folgen-
den Nachmittage bekamen wir die Clarence-Insel mit ihren drei steilen, durch
Nebel und Wolken sichtbar werdenden Graten in Sicht. Das Land war wild
and majestätisch, indem es sich über den anliegenden Eisbergen emporthürmte.
Es war völlig schneebedeckt, aufser an den steilsten Abhängen, welche haupt-
sächlich nach Süden hin liegen. Am 19. Februar passirten wir unseren letzten
Kisberg auf ungefähr 60° 27‘ S-Br und 53° 40‘ W-Lg, d. bh. 40 Sm nördlich von
der Clarence-Insel. Port Stanley erreichten wir am 25. Februar, Poriland am
24. Mai und kamen schliefslich am 30. Mai zurück nach Dundee.
Herr Seebohm hat das plötzliche Eintreten des Sommers in dem ark-
tischen Gebiete in lebhaften Farben geschildert; aber wie verschieden davon
ist es im antarktischen Gebiete. Da herrscht ewiger Winter, und der Schnee
schmilzt niemals. Wie weit der Mensch auch nach Norden vorgedrungen ist,
nat er Renthier und Hasen sich in der Sonne wärmend und das Land in
einer reichen Flora erglänzend angetroffen; innerhalb des autarktischen Kreises
ist keine Pflanze zu finden.
Lange werde ich der Schönheit dieser eisumgürteten Scenerie, der Gro[s-
artigkeit und des ewigen Schweigens gedenken, Unsere Gefühle lassen sich
nicht aussprechen, unsere Gedanken lassen sich nicht ermessen, wenn wir während
üer Nachtwachen allein auf dem einsamen Decke stehen, unterdessen die Sonne
am Horizonte hinstreift und die Natur mit Farben übergiefst und das weiße Eis
in den ruhigen schwarzen Gewässern dahinschwimmt.