Neumayer: Die wissenschaftliche Erforschung der antarktischen Region. 461
von uns entfernt gewesen sein; fand doch Ross schon, dafs man in diesen
Gegenden zu gewärtigen hat, eine Zeit lang später nicht nur über sein eigenes
Land, sondern gelegentlich auch über das von Anderen auf der Karte nieder-
gelegte hinweg zu segeln. Wir waren jedoch aufser‘ Stande, weitere Nach-
forschungen anzustellen, denn unser Schiff war noch nicht voll von Walfischspeck.
Ross lenkt die Aufmerksamkeit späterer Besucher auf zweifelhafte vulkanische
Thätigkeit auf Joinville-Land; sicherlich giebt es dort keine Zeichen von gegen-
wärtiger Thätigkeit. ;
Eisberge. Dieser ganze Bezirk im Süden von 60° S-Br ist überstreut
mit Eisbergen und südlich von 62° S-Br werden sie sehr zahlreich. Kein voll-
ständiger Tag findet. sich verzeichnet, wo nicht Eisberge zu sehen gewesen wären.
Südöstlich von den kleinen Danger-Inseln waren sie höchst dicht vertheilt, Hier
habe ich einmal von Deck aus nicht weniger als 65, alle von grofsem Umfange,
gezählt, die kleineren nicht mitgerechnet. Im Dezember lagen viele 60 bis
100 Sm nordöstlich von Joinville-Land, ebenso im Januar, auf ungefähr 64° 30‘
S.Br und 54° bis 56° W-Lg. Der längste war ungefähr 30 Sm lang, ein an-
derer ungefähr 10 Sm und mehrere von 1 bis 4 Sm lang. Der höchste Eisberg,
den die „Balaena“ sah, war ungefähr 76m hoch, aber manche waren nicht über
21 m oder 24m hoch, so dafs ihre Durchschnittshöhe etwa 46m betrug. Alle diese
Eisberge sind tafelförmig oder verwitterte Varietäten der 'Tafelform. Sie sind
von Höhlen durchsetzt, und diese stehen manchmal in Verbindung mit schorn-
steinartigen Löchern, durch welche, sowie die Dünung die Höhlen hinaufschlägt,
ungeheure Säulen von Gischt emporgeschleudert werden. Sie können zierlich
kastellartig, mit Pfeilern oder Bogen, gestaltet erscheinen. HEiner, den ich
zu sehen bekam, war wunderschön kegelförmig. Die Grundfläche der Eisberge
ist hellbraun gefärbt durch Meerorganismen, und andere braune Streifen sind
oberhalb des Wasserniveaus zu sehen. Es ist mir nicht gelungen, ein leuchtendes
Glühen zu beobachten. Herr Burn Murdoch hat auf bewundernswerthe Weise
diese Eisberge in zahlreichen Gemälden wiedergegeben. Sie gewähren einen
großartigen Anblick. Nebelumhüllt erheben sie ihre mächtigen schneebedeckten
Schultern bis zu einer stattlichen Höhe oder scheinen in der Sonne funkelnd
hervor. Obwohl sie vom reinsten Weifs sind, leuchten sie doch in lebhafter
Farbe. Die Spalten zeigen reiches Kobaltblau, und überall sind smaragdgrüne
Sprenkel.
) Packeis. Das Packeis soll nicht schwerer sein als das des Nordens und ist
von ähnlicher Beschaffenheit. Es ist häufig braun gefärbt von einer Diatomeen-Art,
Corythron eryophyllum, welche in dem Wasser in der Nähe des Haupt-Packeises
herumschwärmt. Wir trafen zuerst auf Packeis am 19. Dezember in 62° 20‘ S-Br
und 52° 20’ W-Lg; es war dicht und erstreckte sich Ost und West. Im
Januar trafen wir die Packeiskante auf 64° 37’ S-Br, von ungefähr 54° bis
56° W-Lg von Ost nach West. Am 12. Januar, als wir uns auf der Höhe von
Kap Lockyer und in Sicht von —- meiner Ansicht nach — der östlichen Küste
von Grahams-Land befanden, saben wir nach Süden hin anscheinend offenes
Wasser, und ich glaube, dafs wir möglicherweise sehr weit nach Süden hätten
vordringen und sogar vielleicht eine höhere Breite hätten erreichen können als
unser muthiger und ausgezeichneter Vorgänger Kapt. James Weddell. Auf alle
Fälle hätten wir eine genauere Untersuchung der von uns angenommenen Ost-
küste von Grahams-Land vornehmen können. Zu meiner gröfsten Enttäuschung
kehrte das Schiff wieder um, um buchstäblich „in Blut einzutauchen“,
Die See. Die Farbe der See varlirt von einem schmutzigen . Olivenbraun
nahe der Packeiskante in ein helles Blau weiter von derselben ab. Im blauesten
Wasser war es am vortheilhaftesten, auf Robben zu jagen. Tiefsee-Temperaturen
wurden gemessen, und eine kältere, dazwischen liegende Schicht ergab sich.
Dr. Buchan sagt mir, daß die Zustände denjenigen im Norden von dem Wyville
Thomson-Rücken ähnlich sind. Dies ist! die erste Gelegenheit, dafs das Negretti-
und Zambra-Thermometer und Dr. Mill’s Umkehr-Rahmen auf so hohen süd-
lichen Breiten gebraucht wurden. Einige Beobachtungen über den Gefrier- und
Schmelzpunkt des Seewassers wurden erlangt. Wir fanden nirgends eine sehr
hohe Dünung vor. AHEinige wenige Beobachtungen über Strömungen wurden
gemacht und schwimmende Körper von dem Eise an bis einige Grade nördlich
vom Aequator über Bord geworfen. Die Eisberge scheinen Strömungen hervor-