458 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1893.
beobachten, magnetische und meteorologische Beobachtungen sowohl zur See als
zu Lande anzustellen, die Temperatur des Oceans in allen Tiefen und zu allen
Jahreszeiten zu ermitteln, Pendel-Beobachtungen an Land und möglicherweise in
grofsen Tiefen des Oceans anzustellen, die Ablagerungen auf dem Meeresgrunde
an bestimmten Punkten zu durchbohren, um die Beschaffenheit der tieferen Lager
zu ermitteln, zu sondiren, zu schleppen und zu studiren den Charakter und die
Vertheilung von Seeorganismen, sind alles Aufgaben, welche heutzutage eine
antarktische Expedition zu bearbeiten haben würde. Denn die genauere Ab-
grenzung von Land und Wasser auf unserem Planeten, die Lösung vieler Probleme,
welche sich auf die Eiszeit beziehen, die bessere Bestimmung der inneren Be-
schaffenheit und der äufseren Form unserer Erde, die vollständigere Kenntnifs
der Gesetze, welche den Bewegungen der Atmosphäre und der Hydrosphäre zu
Grunde liegen, die gröfsere Vertrauenswürdigkeit der Anzeichen hinsichtlich des
Ursprungs von Land- und Seepflanzen und -Thieren sind alles Beobachtungen,
welche in ernstester Weise von der Wissenschaft unserer Zeit gefordert werden.“
„Einen kühnen Vorstols gegen den Südpol befürworte ich nicht, noch
glaube ich, dafs solches in der gegenwärtigen Zeit die britische Wissenschaft
fordern würde; vielmehr verlangt dieselbe eine ruhige, ununterbrochene, arbeit-
same und systematische Erforschung der ganzen südlichen Region mit allen
Apparaten eines Forschers in unseren Tagen.“
„Diese Erforschung müfste von der königlichen Marine unternommen
werden. Zwei Schiffe, nicht gröfser als 1000 Tonnen Tragfähigkeit, sollten — wie
es mich bedünkt — für die ganze Zeit einer Indienststellung ausgestattet werden,
welche sich über drei Sommer und zwei Winter auszudehnen hätte. Zeitig genug,
in der ersten Jahreszeit, sollte eine Partie zum Ueherwintern von ungefähr
10 Mann an irgend einem Punkte im Süden von Kap Horn gelandet werden;
wahrscheinlicherweise in der Nähe der Bismarck-Strafßse des Graham-Larzdes.?)
Alsdann sollte die Expedition sich nach Vietoria-Land begeben, wo eine zweite
ähnliche Partie zur Ueberwinterung zu landen wäre, wahrscheinlicherweise in
Macmurdo Bay in der Nähe des Mount Erebus. Die Schiffe dürften nicht ein-
frieren, sondern sollten nach dem Norden zurückkehren, um an der äufseren
Grenze des Eises Beobachtungen der verschiedensten Art auszuführen. Nach der
nothwendigsten Rast und nach Vervollständigung der Ausrüstung sollten früh-
zeitig im Frühling die Schiffe zur Bestimmung der Lagerung des Eises und zur
Beobachtung der Temperatur des Oceans wieder auslaufen und etwas später die
Verbindung mit der Ueberwinterungspartie herstellen und — sollte dieses nöthig
sein — mit Mannschaften und Proviant für den anderen Winter dieselbe aus-
statten. Während des zweiten Winters müfsten die Tiefsee-Forschungen nach
Norden hin fortgesetzt werden und wären im dritten Sommer die Ueber-
winterungs-Partien abzuholen, um mit der ganzen Expedition nach England zurück-
zukehren. Die Ueberwinterungs-Partien könnten zu einem guten Theil aus
Civilisten bestehen, und ein oder zwei Civilisten könnten jedem Schiffe beigegeben
werden; diese Anordnung bewährte sich in bewunderungswerther Weise.“
„Es darf mit Zuversicht behauptet werden, dafs die Ergebnisse einer wohl-
organisirten Expedition sich als von hervorragender Bedeutung für britische
Wissenschaft erweisen müfsten. . Wir haben es so oft gehört, wie viel mehr
fremde Regierungen für Wissenschaften thun, als unsere eigene. Es wird be-
hauptet, dafs wir im Begriffe stehen, von Ausländern ganz und gar überflügelt
zu werden hinsichtlich der Pflege beinahe eines jeden Zweiges der wissenschaft-
lichen Arbeit. Allein im praktischen Studium alles dessen, was den Ocean an-
geht, trifft dies gewifs nicht zu; wir sind nicht genöthigt, weder Meister, noch
Ebenbürtige in diesem Zweige der Forschung anzuerkennen und, so lange wir
ein kluges und dem Fortschritte geneigtes Volk sein werden, wird britische
Wissenschaft stets die Wege in dieser Hinsicht andeuten, Vor 20 oder 30 Jahren
lebten wir in tiefer Unwissenheit mit Bezug auf den Zustand aller tieferen Theile
der grofsen oceanischen Bassins; gegenwärtig haben wir eine sehr zutreffende
‘) Die Bismarck-Strafse wurde von dem Kapitän des Schiffes „Grönland“ der deutschen
Polarschiffahrts-Gesellschaft Dallmann im Jahre 1873 entdeckt und benannt. Siehe „Mittheilungen
aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen aus dem Gesammt-
gebiete der Geographie“ von Petermann, Bd. 21, 1875, S. 312.