4156 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1893,
lichen Theiles des australischen Kontinents durchgeführt werden kann. Wenn dieser
Plan zur Durchführung kommt, so wird man dadurch die gediegenste Basis er-
halten, um auch ein „Gravity-Survey“ der antarktischen Region dereinst vornehmen
zu können. Nur durch ein derartiges Vorgehen werden wir zur Kenntnifs der-
jenigen Faktoren gelangen, die erforderlich sind zur endgültigen Berechnung und
Feststellung jener bedeutsamsten aller geophysikalischen Grundlagen, der Gestalt
unserer Krde.“
„Es möge noch gestattet sein, mit wenigen Worten darauf hinzuweisen,
dafs wir ohne genauere Kenntnifs der Verfassung und Gestaltung der Eiskalotte
in der Nähe des Erdpoles ein Urtheil über die Geoid-Deformationen durch
Rechnungen, wie gründlich dieselben auch geführt werden mögen, nicht er-
langen können. Dieser Gegenstand wurde zuerst von dem Grönlandforscher
Dr. v. Drygalski*) eingehender behandelt. Auch die Frage der Dicke der
Eiskalotte und die damit in naher Beziehung stehende weitere Frage über
die Ursachen der Veränderlichkeit der geographischen Breite (Schwankungen
der Erdaxe), sowie jene der Gleichzeitigkeit der Eiszeiten in der nördlichen und
südlichen Hemisphäre können nur durch Untersuchungen in der Südpolar-Zone,
wenn dieselben mit Erscheinungen in der Nordhemisphäre im Zusammenhange
diskutirt werden, einer Lösung zugeführt werden. Schliefslich sei noch erwähnt,
dafs die von Dr. Hergesell?) angedeutete Aenderung der Gleichgewichtsflächen
der Erde durch die Bildung grofser Eismassen an den Polen und die dadurch
verursachten Sehwankungen des Niveaus der Oceane nur durch gründliche For-
schungen innerhalb der Südpolar-Region ihre festesten Stützen oder ihre Wider-
legung erhalten kann.
Es mag mit der Anführung dieser wenigen Aufgaben sein Bewenden haben;
ohne eine Durchforschung der antarktischen Region wird es unmöglich sein, alle
die grundlegenden Faktoren der Geophysik zu gewinnen, ohne deren Kenntnifs
alles Wissen nach dieser Richtung Stückwerk bleiben mufs. Kein anderes ähn-
liches Unternehmen vermag in dieser Hinsicht die Interessen der Wissenschaft
in gleich ausgiebigem Maße zu fördern, wie die Erforschung der Südpolar-Region.“
Damit schlofs Dr. Neumayer seinen Vortrag und erinnerte nur noch
daran, dafs man in mafsgebenden Kreisen in Deutschland schon längst von dieser
Ueberzeugung durchdrungen sei. Zum Belege dafür erinnert er an die von dem
IV. Deutschen Geographentage in München (1884) in dieser Ueberzeugung ge-
fafsten Beschlüsse, die hier zum Schlusse noch eine Stelle finden mögen.?)
Dieselben lauten:
2. Sitzung am 17. April, nachmittags 3 Uhr.
. Vorsitzender Herr Prof. Dr. C. M. von Bauernfeind, Direktor der
technischen Hochschule in München.
1. Von den H. H, Prof, Dr. S. Günther, Prof. Dr. Th. Fischer, Prof.
Dr. Partsch, Dr. A. Penck und Prof. Dr. H. Wagner unterstützt, bringt Prof.
Dr. F. Ratzel den Antrag auf Annahme des folgenden Beschlusses ein:
Der vierte Deutsche Geographentag glaubt die durch den
dritten Deutschen Geographentag gefafste Resolution bezüglich
der Polarforschung erneuern und präciser dahin fassen zu
sollen, dafs er ausspricht, es sei in erster Linie die geogra-
phisch-physikalische Durchforschung der antarktischen Region
zu fördern.
Zur Einleitung und Durchführung der zur Förderung der
Ziele dieser Resolution erforderlichen Schritte erhält der per-
manente Ausschufs des G.T. den Auftrag, die geeigneten Ma[(s-
nahmen zu treffen,
1) Dr. Erich von Drygalski: Die Geoid-Deformationen der Eiszeit. Zeitschrift der Gesell-
schaft für Erdkunde zu Berlin, XXII. Band, Heft 3 und 4, Siehe auch Dr. Karl Fricker: Die
Entstehung und Verbreitung des antarktischen Treibeises, ein Beitrag zur Geogr. der Südpolar-Gebiete.
2) Dr. H. Hergesell: Ueber die Aenderung der Gleichgewichtsflächen der Erde durch. die
Bildung polarer Eismassen und die dadurch verursachten Schwankungen des Meeresniveaus, in
Gerland’s Beiträgen zur Geophysik, Bd. I, S. 59 £
3) Verhandlungen des IV. Deutschen Geographentages in München, 1884, S. 166 und 167.