Neumayer: Die wissenschaftliche Erforschung der antarktischen Region. 451
innerhalb der Polarzone liegend —- doch zu gleichzeitigen Untersuchungen heran-
gezogen werden können, bieten ein Mittel, die wichtigsten Fragen‘ der erd-
magnetischen Forschung in ihrer Lösung zu fördern.
Nach Lage der Vertheilung der erdmagnetischen Kraft in der südlichen
Hemisphäre empfiehlt es sich, unter dem Meridiane von Kerguelen und innerhalb
der Polarzone — also westlich von dem magnetischen Südpole — eine Warte
zu gründen. Es dürften sich dazu die von Kapitän Biscoe, bezw. von Kapitän
Kemps 1831, bezw. 1833 entdeckten Länderkomplexe (vielleicht Inseln) eignen.
Um aber die dort zu errichtende Station in wirksamer Weise zu unterstützen,
empfiehlt es sich ferner, auf einer nordwärts davon gelegenen Insel, welche zu
allen Zeiten des Jahres erreichbar, ein Depot zu errichten, dessen Lage gestattet,
daß in günstiger Jahreszeit der eigentlichen Polarstation Succurs gebracht
werden kann. Letzteres gilt besonders mit Bezug auf die Unterstützung der
Unternehmung im hohen Süden mit Kohlen, da ohne Dampfkraft eine erfolgreiche
Erforschung der Polar-Regionen zu Schiffe heutzutage wohl kaum mehr gedacht
werden kann.
Der Plan, nach welchem eine systematische Erforschung der Südpolar-
Region geführt werden mul, läfst sich in folgender Weise charakterisiren:
1. Unter der Voraussetzung, dafs das Unternehmen unter dem Meridiane
von Kerguelen ins Werk gesetzt werden wird, empfiehlt es sich, auf einer der
am weitesten nach Süden gelegenen Inseln, welche zu allen Jahreszeiten ange-
segelt werden kann und einen freien Verkehr — sowohl nach der Südspitze von
Afrika wie nach Australien — gestattet, eine Station (Depot) zu errichten.
Kerguelen oder die Macdonald-Inseln dürften sich für diesen Zweck empfehlen.)
2. Von diesem Depot auslaufend, hat eine Expedition zu Schiffe den
Versuch zu machen, in die antarktische Zone einzudringen und — sobald dieses
gelungen ist — an ‚einer passenden Stelle eine Station (Observatorium) zu er-
richten. Für diesen letzteren Zweck würde sich empfehlen, entweder Kemps-
oder Enderby-Land aufzusuchen und daselbst nach einer passenden Landungsstelle
zu forschen. Auf einem der genannten Länder ist eine vollständige magnetisch-
meteorologische Station nach dem Muster der Stationen im Systeme der inter-
nationalen Polarforschung (1882/83) zu organisiren und mindestens zwei Jahre
hindurch in arbeitender Thätigkeit zu erhalten. Von dieser Station — als
Basis — ist die Erforschung der antarktischen Region zu Schiffe thunlichst weit
nach Süden hin auszudehnen. .
3, Die Station (das Observatorium) auf Kemps- oder Enderby-Land hat
gleich nach der Errichtung in die systematische Arbeit einzutreten, damit dadurch
in Wirklichkeit eine Basis für die weiteren Erforschungen nach höheren Breiten
hin geschaffen werde; auch im zweiten Jahre hat sich eine Expedition zu Schiffe
nach höheren Breiten zu begeben und nach Möglichkeit die Erweiterung
geographisch-physikalischer Erkenntnifs der Südpolar-Region zu fördern.
4. Nach Ablauf der zweiten Kampagne im hohen Süden hat sich das Gros
sämmtlicher Unternehmen nach dem. Depot zurückzuziehen und von dort die
Rückreise nach Europa anzutreten, jedoch so, dafs Melbourne oder die City of
Hobart — als die Normalpunkte für die magnetischen Beobachtungen der süd-
lichen Hemisphäre — berührt, und auf diese Weise die in höheren Breiten
gewonnenen Resultate an jene Normalpunkte angeknüpft werden können,
5. Aus diesem Plane geht hervor, dafs von dem Augenblicke an, wo die
Schiffe Europa verlassen, bis zu dem, wo sie zurückgekehrt sein werden, etwa
drei Jabre und sechs Monate gerechnet werden müssen.
6. Die Expedition mufs, wenn sich einerseits das möglichst Beste soll er-
reichen lassen, andererseits die gröfste Sicherheit für das Gelingen und die Wohl-
fahrt des Unternehmens gewährleistet werden soll, mit zwei Schiffen ins Werk
gesetzt werden.
Die Schiffe, welche. mit Dampfkraft ausgestattet sein und gute Segel-
Qualitäten haben müssen, sind nahezu von gleicher Gröfse zu wählen, und zwar
von etwa 450 Tonnen Gehalt. Es müssen dieselben für alle Eventualitäten der
Eisfahrt ausgerüstet sein, damit sie den Gefahren derselben ohne Bedenken aus-
gesetzt werden können.
‘) Ersteres dürfte aber nach der Besitzergreifung durch Frankreich nicht ohne Weiteres wählbar sein.