Lebedintsef: Chemische Untersuchung des Schwarzen und Azofschen Meeres. 421
Auf dieser letzten Expedition konnten wegen äufserst ungünstigen Wetters
nur 54 Punkte untersucht werden, davon 27 mit Tiefen von mehr als 100 Fad.
(183 m). Auf diesem nur nachträglich an Stelle des „Don6ts“ eingeschobenen
Kanonenboot konnte das chemische Laboratorium nur nothdürftig, jedoch immer-
hin genügend, im vordersten Theil des Schiffes, im früheren Lazareth, eingerichtet
werden.
Indem ich auf eine ausführliche Beschreibung unserer Fahrten verzichte,
möchte ich nur die Aufgaben der Untersuchung, die angewendeten Untersuchungs-
methoden und die bis jetzt erzielten Ergebnisse kurz darlegen.
Ich beginne mit der sogenannten „Infektion‘“ des Schwarzen Meeres durch
Schwefelwasserstoff. Auf Seite 308 des vorigen Jahrganges dieser Zeitschrift
ist die Hypothese des Herrn Andrussof über den Ursprung dieser Infektion
erwähnt. Es galt nunmehr vor Allem, die quantitative Bestimmung dieses Gases
an möglichst vielen Orten vorzunehmen, um festzustellen, in wie weit diese An-
steckung gleichmäfsig sei, von welcher Tiefe sie beginne und wie sie bis zum
Boden sich verändere. Der Boden selbst bot an den Stellen, wo die Erscheinung
statthat, grofses Interesse in chemischer Beziehung. nn
Zur Ausführung der gestellten Aufgabe war es vor Allem nothwendig,
solche Methoden der Bestimmung von H,S und den löslichen alkalischen Sul-
fiden zu wählen, die an Bord sofort nach Entnahme der Wasserprobe angewendet
werden konnten. Von den in Betracht kommenden Verfahren wählte ich das
jodometrische. Für diese Methode sprachen die kleinen Mengen von H,S im
Schwarzen Meere und die Schwierigkeit und Unbequemlichkeit der Aufbewahrung
von leicht oxydirbaren Sulfidverbindungen. Aber auch dabei stellten sich manche
Schwierigkeiten heraus angesichts der schnellen Aenderung der Titer vom Jod,
wie auch vom Natriumthiosulfit, besonders bei den nicht sehr günstigen Ver-
hältnissen der Laboratoriumsarbeit auf See. Vor dem Abgange in See habe ich
mir einige Liter !/ıco Jodlösung in Jodkalium bereitet, indem ich die entsprechen-
den Mengen Jod abwog; nach dieser Lösung wurde diejenige des Natrium-
thiosulfit bemessen, von der ich mir ebenfalls ausreichende Mengen bereitet
habe. Mit Rücksicht auf die Veränderlichkeit beider Lösungen hielt ich eine
Kontrole nach Gewicht für unentbehrlich. Dabei mufste aber die vollständige
Unmöglichkeit chemischer Wägungen auf dem Schiffe berücksichtigt werden.
Diese Schwierigkeit gelang es mir nun auf folgende Weise zu überwinden. Vor der
Abfahrt schmolz ich eine Anzahl gewogener Mengen von trockenem Jod in kleine
Röhrchen ein, die ich in eigens angefertigten Kästchen mit ausgefütterten Zellen
aufbewahrte; von Zeit zu Zeit öffnete ich mit aller Vorsicht ein derartiges
Röhrchen, löste seinen Inhalt in einer wässrigen Lösung von Jodkalium und
kontrolirte alsdann meine Titer, ' Parallel mit der jodometrischen Methode ver-
wandte ich stets auch die kolorimetrische Reaktion von Nitroprussid-Natrium. auf
das Wasser des Schwarzen Meeres, wobei diese letzteren Bestimmungen in der
Regel mit einem nicht genau festgestellten Titer gemacht wurden; erst während
der zweiten Expedition gelang es mir, einige Male diese Probe recht vollkommen
auszuführen. Die Schwierigkeit liegt dabei nämlich in der außerordentlich
raschen Veränderung des Farbentons. Wie die jodometrischen Bestimmungen,
so. wurden auch die Nitroprussid-Reaktionen jedesmal unmittelbar nach Ankunft
des Bathometers an Deck ausgeführt, wobei das Wasser aus dem Bathometer in
eine dicht schliefsende Glasflasche mit Vorrichtung gegen Oxydation des H,S
durch den Sauerstoff der Luft gegossen und darauf sofort die Bestimmungen im
Laboratorium ausgeführt wurden.
Auf den beiden Expeditionen des Jahres 1891 im Schwarzen Meere
wurden alle 57 Wasserproben aus mehr als 100 Fad. (183 m) Tiefe mit H,S
behaftet gefunden, und von 54 Punkten Wasser aus geringeren Tiefen untersucht;
von Letzteren zeigten nur 14 die Jod-Reaktion auf H,„S. Hierbei ist zu bemerken,
dafs der Geruch als ein Reagens, seiner Empfindlichkeit nach, einer !/100 Jod-
lösung sich gleich zeigte. In vier Fällen, wo man im Wasser von 100 Fad. Tiefe
keine H,S-Reaktion.bekam, ließ man das Bathometer bis 125 Fad. (229 m) sinken
und brachte dann immer H,S-haltiges Wasser herauf. Wasser von 200 Fad.
(366 m) Tiefe, auf H,S geprüft, wurde während beider Expeditionen 50 Stellen
entnommen und enthielt schon wesentliche Mengen Schwefelwasserstoff. Wasser
von Tiefen zwischen 150 und 175 Fad., wurde sieben Mal geprüft und zeigte