Aus dem Reisebericht des Kapt. J. G. Nichelson, Bark „Theodore“.
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Strom ebenfalls die entgegengesetzte östliche oder nordöstliche Richtung an-
nimmt. Der SW-Wind, bei böjgem Wetter frisch wehend, bringt das Schiff in
der Regel nach 13° oder 14° N-Br, in welcher Breite Windstillen eintreten, die
auf der Route nach der Westküste von Mexiko durch leichte nördliche Winde,
auf der Route nach San Francisco durch den Nordost-Passat aufgehoben werden.
Die Frage, ob es bei einer Bestimmung nach Mazatlan am besten ist, mit
den nördlichen Winden auf B. B.-Halsen die Küste anzulaufen und unter dieser
nordwärts aufzuarbeiten, oder, wie wir es machten, den Kurs auf Kap St. Lucas
zu setzen und dann den Golf von Kalifornien zu durchqueren, vermag ich nicht
zu entscheiden. Da die vorhandenen englischen Segelhandbücher in dieser
Beziehung sehr wenig Auskunft geben, so wären gute und zuverlässige Segel-
anweisungen für die Westküste von Centralamerika und Mexiko sehr erwünscht,
Der Zustand des Wetters, welches wir während des Monats Oktober
hatten, läfst sich in Kürze wie folgt kennzeichnen. Es herrschten Windstillen
oder leichte von NW durch Nord auf Ost verändernde Winde vor, bei fort-
während klarem Himmel und ruhiger See. Die Luft war am Tage drückend
heifßs, in der Nacht angenehm. Der Strom setzte gewöhnlich nach Ost. oder 0SO.
Im Monat Januar kann man von Mazatlan bis 100 Sm südwärts der Tres
Marias-Inseln mäfsigen Westwind erwarten; weiter südostwärts unter der Küste ist
es meistens morgens still, am Nachmittage weht eine leichte südwestliche Briese,
und in der Nacht treten gelegentlich sogenannte „Chubascos“, tornadoähnliche
Gewitterböen, auf, welche so schnell überkommen, dafs beim Segeln unter der
Küste grofse Vorsicht geboten ist. Letzteres wird jedoch dadurch erleichtert,
daß sich die Bö zeitig genug durch anhaltendes Blitzen ankündigt. Folgendes
Beispiel möge den Verlauf dieser Erscheinung erläutern: Um 12 Uhr nachts
war der Himmel noch vollkommen klar, doch blitzte es im SO, und die See
wurde unruhig, worauf sich um 1 Uhr morgens rasch eine Wolkenbank über
den südöstlichen Horizont erhob. Sofort ließ ich die andere Wache an Deck
rufen und sämmtliche Segel bis auf die Untermarssegel wegnehmen. Kaum
20 Minuten später fiel der von heftigem Regen begleitete Chubasco mit orkan-
artiger Stärke ein, und es wäre jeizt keine Zeit mehr gewesen, die Segel zu
bergen, Wohl eine Stunde hielt der Sturm an, dann wurde der Wind mäfsiger,
der Regen ließ nach, und um 4 Uhr morgens setzten wir bei klarem Himmel
alle Segel. Das Barometer zeigte während der ganzen Zeit keine Veränderung.
Vor dem Golf von Tehuantepec hat man heftige Nordwinde zu erwarten.
Für einen Kapitän, der mit den Verhältnissen an der Küste unbekannt ist, liegt
die Annahme nahe, dafs diese Norder eine gute Gelegenheit bieten müssen, um
nahe unter Land in. ostsüdöstlicher Richtung voranzukommen. Dem ist aber
durchaus nicht so, denn erstens weht der Wind meistens aus einer Richtung
zwischen Nord und NE, selten aus einer solchen westlich von Nord, und zweitens
ist derselbe so steif, manchmal selbst stürmisch von der Stärke 10 bis 11, dafs
man gezwungen wird, kleine Segel zu machen. Das Schlimmste dabei aber ist
der Umstand, daß der Norder manchmal einen starken, 1'/2 bis 2 Sm in der
Stunde nach WNW setzenden Strom und eine hohe wilde See hervorruft, in der
mit dem Schiffe nichts anzufangen ist. Wir verloren unter solchen Zuständen
volle acht Tage, ohne eine Seemeile gewonnen zu haben. Da ich die Erfolg-
losigkeit unseres Unternehmens, unter der Küste aufzuarbeiten, einsah, liefs ich
voll weg auf B. B.-Halsen vom Lande steuern, und mit der Vergröfserung der
Entfernung von demselben wurden Wind und See mäßiger, während die Strö-
mung sich ganz verlor, Auf ungefähr 10° N-Br und 92° W-Lg wurde es ganz
still, aber schon bald nachher kam eine leichte südwestliche Briese durch, die
bald beständig wurde und von einer leichten südöstlichen Stromversetzung be-
gleitet war, womit wir das Kap Burica in 8° 3‘N-Br und 82° 53‘ W-Lg in
Sicht liefen. Unsern Bestimmungsplatz San Pedro, am westlichen Mündungsarm
des Rio David, erreichten wir am 29. Januar 1892, indem wir aufserhalb der
Barre des genannten Flusses zu Anker gingen.
San Pedro und Ciudad de David, Provinz Chiriqui, Columbia. «
Als ich die Order bekam, nach oben genanntem Platze zu versegeln, um
dort Gelbholz zu laden, nahm ich den „North-Pacifie-Directory‘“ zur Hand, um