Wetter, Wind und Strömungen auf der Rhede von La Guayra,
klar, und wir konnten an dem Rauch des dort kreuzenden deutschen Dampfers
leichte NE- Briese konstatiren. Die dunkle Strichwolke bildete sonach
yewissermaßen die Wind- und Wetterscheide und die Grenze des Sturmgebietes.
Die Wolke blieb bis 72 unverrückt an derselben Stelle stehen. Wir befanden
ans also noch im Sturmgebiet. Innerhalb dieses war der Wind nach Stärke und
Richtung ganz verschieden. Oft hatte der „Magon“, der nur ca 800m von uns
war, genau die entgegengesetzte Windrichtung als wir. Das Barometer stieg
and fiel bis 0,6 mm innerhalb 5 Minuten. Kurz nachdem es gefallen war, fühlte
man eine erdrückend trocken-heiße Luft. Dann wurde ein brausendes Geräusch
yehört, und unmittelbar hierauf fiel eine schwere, wirbelwindartige Böe von den
Bergen herunter, die das Wasser wasserhosenartig aufwirbelte. War ein solcher
kurzer Stoß vorüber nach See gezogen, so stieg das Barometer wieder plötzlich
um 0,6 mm, bis es durch plötzliches Fallen die nächste Böe anzeigte. Angenehm
war es, dafs ein ziemlich starker Weststrom lief, so daß die äufseren Schiffe
wenig bei diesen Böen, mit dem Wind aus allen Richtungen kommend, gierten
und auf der hohen Dünung liegen blieben.
Solche Wirbelstöße ereigneten sich wohl 10 im Laufe .des Nachmittags,
und die Windstärke war manchmal 8—9. Bei diesen Stöfßsen wurden abgerissene
Baumblätter und Heuschrecken von See aus nach Land zurückgeführt, und es mufsten
dieselben vorher ihren Weg in höheren Regionen erst nach See zu gemacht
haben. Während des ganzen Nachmittags hatte der Regen an Stärke nach-
gelassen. Die vor dem Wirbelstofse herrschende heifse Luft war derartig trocken,
daß der durch den Regen durchnäfste Anzug innerhalb ganz kurzer Zeit auf dem
Körper vollkommen trocknete. Von 7* p ab fing das Barometer an zu steigen,
und gleichzeitig schob sich die schwere Wolkenbank nach Land zu über das
Gebirge. Um 8" hatte das Barometer schon einen Stand von 760, der Himmel
war wolkenlos, und ein leichter SW, Stärke 1, setzte ein. Die Dünung war bis
zum nächsten Morgen 8% auf den gewöhnlichen Stand heruntergegangen.
„Magon“ und „Pylades“ waren im Laufe des Nachmittags Anker auf und
aufserhalb „Arcona‘“ zu Anker gegangen, wo sie in tieferem Wasser ganz
gut lagen.
So weit meine eigenen Beobachtungen. Erkundigungen in Trinidad ergaben
auch hier denselben Verlauf des Sturmes. Auch hier wie im ganzen Orinoko-
Gebiet hatte er erheblichen Schaden durch die abstürzenden Wassermassen
angerichtet. In Barbados ist derselbe nicht gespürt worden, dagegen in Tobago.
Der Sturm ist thatsächlich, von Osten kommend, über Trinidad an der vene-
zuelanischen Küste entlang gezogen, mit dem Centrum vielleicht 10 Sm von der
Küste ab. Er wurde in Trinidad für einen Wirbelsturm erklärt, allerdings nicht
von der Gewalt eines westindischen Hurricanes, mit welchem er auch nicht den
Weg gemeinsam hatte, sondern viel zu südlich auftrat. Ich halte ihn für eine
kleine Abart eines westindischen Hurricanes, der durch seinen Lauf über das
wildzerrissene hohe Gebirge von Venezuela viel an Kraft einbüßste.
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IN. Strömungen.
Die Strömungen laufen im Wesentlichen in westnordwestlicher Richtung und
sind zum Theil von erheblicher Stärke, Sie werden einmal beeinflufst durch die
Inseln und durch die Küstenkonfiguration und dann auch wesentlich durch die
Stärke des Passats, der die Strömung einmal mehr an die Küste prefst, dann
weiter abfließsen lälst. Eine gewisse Gesetzmäfßigkeit läfst sich schwer für die
Navigirung in den venezuelanischen Gewässern feststellen. Ich habe bei meinen
verschiedenen Fahrten oft an denselben Orten genau entgegengesetzte Strom-
richtungen zu den verschiedenen Zeiten beobachten können. So erklärten mir
amerikanische Postdampferkapitäne, daß sie auf ihrem Wege von La Guayra
nach Curacao es nie erreichten, unter Berücksichtigung des Stromes genau ihr
Ziel, Willemstad, zu treffen. Oft befänden sie sich weit nördlich und das andere
Mal so weit südlich, dafs sie Curacao am nächsten Morgen nicht einmal in Sicht
hätten. Es hat sich deshalb hier die Praxis herausgebildet, immer direkt auf
das Ziel loszusteuern, ohne Berücksichtigung des Stromes.