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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 21 (1893)

304 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1893. 
immer wieder kamen neue in Sicht. Als die Sonne höher kam, glitzerte Alles 
wie Silber oder schillerte in klarem, reinem Grün. Ks war ein schöner, aber 
auch unheimlicher Anblick. Wie viele Seeleute haben hier vielleicht ein 
irauriges Ende gefunden, über welches kein Sterblicher berichtet, denn die 
fürchterlichen Eiskolosse bewahren ihr Geheimniss, bis sie, selbst dem Untergang 
yeweiht, in nichts zerfallen. 
Nachdem wir, immer die besten Durchfahrten aussuchend, auf nordöst- 
lichen Kursen ungefähr 30 Sm zurückgelegt hatten, gelangten wir um 8" 20” a 
wieder in offenes Wasser und konnten bei frischem NW-Winde NOzN-Kurs hal- 
ten, aber um 9* 40” fanden wir uns abermals besetzt. Wo man hinsah am Hori- 
zonte, überall Eisberge und immer wieder Eisberge. Ich glaube, dafs ich auf 
Nord- oder NNW-Kurs wohl früher vom Eise freigekommen wäre; aber der Wind 
hielt sich hartnäckig zwischen NW und NNW, wir konnten nicht höher wie NO 
vorliegen und mufsten immer nach Osten hin ausbiegen. Die KEisberge dieses 
Feldes waren durchweg kleiner als die früheren und schienen auch alle schon 
einmal kopfüber gegangen zu sein. Mit den vielen kleinen Schollen, die 1 bis 2 m über 
und 3 bis 4 m unter Wasser trieben, stießen wir oft zusammen, doch mit 8 Knoten 
Fahrt durchschnitt sie der Steven, und das Schiff blieb dicht. Wir hatten alle 
Boote klar gemacht und mit Proviant, Wasser, Segeln und sonst Nothwendigem 
versehen, denn wenn es dick und stürmisch geworden wäre, glaube ich nicht, 
dal wir uns hätten klaren können. Zurückkehren wäre ebenso gefährlich ge- 
wesen als Vorwärtsgehen. 
Den ganzen Vormittag segelten wir zwischen KEisbergen und Schollen. 
Immer tauchten neue Berge am Horizonte auf. Der Wind aus NNW nahm zu, 
aber das Wetter blieb schön und klar. Führten alle dienlichen Segel. Mittags 
befanden wir uns auf 49° 30'S-Br und 48° 34‘ W-Lg. Nachmittags gegen 4* 
wurde noch ein großer Eisberg umsegelt, der oben ganz platt und von ungefähr 
5 Sm Länge war. Dies war das letzte Eis, welches wir sichteten. Wir kamen wieder 
in freies Wasser, und frischer Muth erfüllte wieder alle Mann an Bord, die, 
wenn der dichte Nebel nicht nachgelassen hätte, wohl dem sicheren Untergange 
geweiht gewesen wären. Von morgens 3* bis 3® nachmittags hatten wir 90 Sm 
gutgemacht und während dieser Zeit allein von grofsen Eisbergen an 300 
passirt. 
Durch die stündlichen Beobachtungen der Wassertemperatur, die wir ganz 
von Kap Horn her austellten, bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, dafs man 
sich auf diese bei der Annäherung an KEisberge nicht verlassen kann.!) Die 
einzige Sicherheit bietet scharfer Ausguck. Es ist jedenfalls besser luvwärts von 
einem KEisberge zu gehen, als in Lee davon. Wir passirten Hunderte von 
Bergen an ihrer Luvseite in Steinwurfsnähe ohne alle Gefahr, denn sie fielen 
sämmtlich steil ins Meer ab; aber in Lee derselben trieben immer solche Massen 
von Treibeis, daß man nicht immer mit dem Schiffe so schnell manövriren 
konnte, wie nothwendig war, um auszuweichen,“ 
März 9. bis 11. Bericht über die Reise des Rostocker Schiffes „Ennerdale“ 
von Melbourne nach Falmouth: „Von Kap Horn, welches wir am 3. März 
passirten, hatten wir mäfßige nördliche Winde und trübes, zeitweise stark nebliges 
Wetter bis zum 9. März, an welchem Tage wir uns auf 51° S-Br und 49° W-Lg 
befanden. Um 10*2a kam ein grofser Eisberg in Sicht, und unmittelbar darauf 
sahen wir zu beiden Seiten und voraus zahllose Eisberge und mehrere KEisinseln 
auftauchen; Letztere mochten wohl 3 bis 4 Sm lang und 30 m hoch sein. Um 
die Fahrgeschwindigkeit des Schiffes zu mindern, wurden Segel gekürzt und wurde 
dann versucht, einen Ausweg zu finden. Hierbei kamen wir mitunter in nächste 
Nähe der Eiskolosse. Bald mufsten wir diesem, bald jenem ausweichen, und das 
Schwierigste war noch, den vielen umherschwimmenden Eisstücken aus dem Wege 
zu geben. Um 12* mittags war ein weiteres Vordringen unmöglich. Eisberge 
and Felder standen ganz dicht bei einander; nur im Nordwesten war eine 
1) Nach den Aufzeichnungen von Kapt. Schmidt hielt sich die Wassertemperatur während 
der Zeit, dafs das Schiff im Eise segelte, ebenso wie in den acht vorhergehenden Stunden, bestän- 
dig auf 8,4° bis 8,7°. Nur einmal, als man sich nur 20 m leewärts von einem Eisberge befand, 
sank sie auf 7,3° und ein andermal, als man auf beiden Seiten Eis in Steinwurfsnähe hatte, 
auf 7,4°,
	        
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