300 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1893.
nach den Handelsplätzen des Südatlantischen Oceans erfuhren bei der ersten Aus-
gabe der „Sailing Directions“ eine Abkürzung von 10 Tagen, jene nach Kalifornien
von 1!/z Monaten. Aber der gröfste Erfolg war vielleicht die förmliche Ent-
ädeckung der Route von Australien nach Europa um das Kap Horn; im Kampfe
gegen die Westwinde der südlichen gemäfsigten Zone und gegen den heftigen
Seegang bis .zum Kap Leeuwin waren die Schiffe allerlei Widerwärtigkeiten aus-
gesetzt, und man ahnte gar nicht, dafs der viel längere Weg über Kap
Horn rascher zum Ziele führen werde. Wenn jetzt noch eine 70 bis 80tägige
Fahrtdauer von Augusta nach den südafrikanischen Häfen keine Seltenheit ist,
so können wir uns vorstellen, wie unangenehm der Heimweg aus Australien vor
50 Jahren ausfiel.
Allein die Anregung, welche durch die Brüsseler Konferenz gegeben
wurde, ist nicht von dem Erfolge begleitet gewesen, den man erwartet hatte,
und der sich durch Errichtung von Centralstellen für die Pflege der maritimen
Meteorologie hätte dokumentiren müssen. Nur Nordamerika, England und Holland
schritten unmittelbar auf Anregung von Maury, Fitzroy und Buys-Ballot an
die Organisation der meteorologischen Arbeit zur See und erzielten bedeutsame
Veröffentlichungen, welche der Schiffahrt Nutzen brachten. Auch das ferne
Australien ging dem fortgeschrittenen Europa um Decennien voran, indem bereits am
1. Januar 1858 das Flagstaff Observatory eröffnet wurde, welches schon des-
halb genannt werden muls, weil es in mancher Beziehung damals gleich in Bahnen
einlenkte, die mit jenen, die heutzutage befolgt werden, in Einklang stehen.
Nicht nur wurden die Tagebücher vieler Schiffe, welche Port Philipp besuchten,
gesammelt, sondern auch ein Beginn mit der simultan-meteorologischen Arbeit
gemacht, indem die bei diesem Observatorium eingegangenen Logbücher in Be-
zug auf Gleichzeitigkeit der Vorgänge in der Atmosphäre untersucht wurden,
Die Resultate dieser Arbeiten finden sich niedergelegt in dem 1864 heraus-
gegebenen Bande: G. Neumayer: „Results of Meteorol. and Nautical Ob-
zaervations, colleeted and discussed at the Flagstaff Observ. Melbourne, during
ihe Years 1858—1862.“
In allen übrigen Ländern war der Fortschritt ein sehr langsamer, und
selbst beim Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges, als die betreffenden
Arbeiten auf dem National-Observatorium in Washington ihr Ende erreichten,
blieb der Vorschlag Neumayer’s (1865) zur Errichtung eines nautisch-meteoro-
ijogischen Observatoriums für Norddeutschland ohne Erfolg. Erst am 1. Januar
1868 gelang es W. v. Freeden, die Norddeutsche Seewarte ins Leben .zu
rufen, die freilich wegen Mangels an Geldmitteln unvollständig organisirt war.
[ndessen erwarb sich die energische Leitung bald die Mitarbeiterschaft von zahl-
reichen und iüchtigen Kapitänen, und dem bei der Gründung der Anstalt vor-
yesteckten Ziele „Sicherung und Kürzung der Seewege“ nachstrebend, wurden
die eingelieferten Wetterbücher für die Bearbeitung von Segelanweisungen für
Einzelreisen und für die Diskussion von verschiedenen Seewegen über den Nord-
atlantischen Ocean verwerthet.
In Frankreich, Portugal, Schweden, Norwegen und Holland besorgten die
einschlägigen Arbeiten die meteorologischen Anstalten oder die hydrographischen
Aemter der bezüglichen Kriegsmarinen,
Im September des Jahres 1873 trat in Wien der Meteorologen-Kongrefs
zusammen, für welchen in Leipzig (1872) gelegentlich der Naturforscher-Ver-
sammlung die vorbereitenden Arbeiten angeordnet worden waren. Bei demselben
wurde u. A. auf die Nothwendigkeit der Errichtung von Centralstellen für den
meteorologischen maritimen Dienst hingewiesen und ein Antrag Neumayer’s
in folgenden Worten angenommen: „In Anbetracht, dafs es nicht möglich sein
wird, auf dem gegenwärtigen Kongresse der maritimen Meteorologie eine ein-
gehende, der Wichtigkeit derselben entsprechende Beachtung zuzuwenden, dagegen
eine Verständigung der einzelnen seefahrenden Nationen mit Rücksicht darauf
als nothwendig erscheint, wird von dem Meteorologen-Kongresse die Einberufung
einer maritim-meteorologischen Konferenz als wünschenswerth bezeichnet.“ Diese
Konferenz trat im September 1874 in London zusammen, und bei derselben
stellte sich heraus, dafs die Beschlüsse der Brüsseler Konferenz eigentlich von
keinem Staat adoptirt worden waren. Theils fand man die Beobachtungsstunden
zu ungelegen, theils die Anforderungen, welche man an die Handelsschiffe bezüg-