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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1893.
Horn nach Nordwestamerika rieth Dixon allerdings einen gewaltigen Umweg
an, allein er war durch die damaligen Zustände gerechtfertigt. Man hatte nicht
die heutigen Mittel, um sich gegen den Skorbut zu schützen, der oft die Mann-
schaften decimirte; das trübe schwüle Wetter und die Stillen der Kalmenregion
beförderten zusehends das Uebel, und man mufste daher trachten, auch auf
Kosten eines langen Umweges, dem äquatorialen Kalmengürtel auszuweichen.
Die Regel, den Aequator im Atlantischen Ocean zwischen 18 und 20° W-Lg
v. Gr. zu durchschneiden, kann mit Dampier’s Schrift als festbegründet an-
yesehen werden, wenn auch einzelne und besonders iberische Seefahrer eine Zeit
lang noch davon abwichen. Dafs ein französischer Admiral im neunzehnten Jahr-
hundert anders handeln konnte, erregte schon damals grofses Aufsehen, Als nämlich
1800 die französischen Kriegsschiffe „G6ographe‘“, „Naturaliste‘“ und „Casuarina“
eine Expedition nach den Südländern unternahmen, wollte der Kommandant der-
selben den Aequator durchaus zwischen 10 und 12° W-Lg von Paris schneiden.
Dies hatte die Folge, dafs die Fahrt von den Kanarien nach Ile de France nicht
weniger als 145 Tage dauerte.
Es scheint sogar, dafs bereits im achtzehnten Jahrhundert weitersehende
Fachleute den Nutzen erkannten, der aus einem westlicheren Durchschnitt des
Aequators hervorgeht, indem Lord Anson z. B. auf seiner Weltumsegelung
(1740) die Linie in 28° W-Lg, also nahezu nach den heutigen Vorschriften, passirte.
Dafs es sich hier nicht um einen Zufall handelt, dafs viele andere Seeleute ein
Gleiches thaten oder dafs mindestens eine starke Strömung zu Gunsten des west-
lichen Durchsechnittes geherrscht haben mag, geht aus der weiteren Thatsache
hervor, dafs in den für die Expedition Laperouse verfafsten Instruktionen aus-
drücklich gesagt war, man solle den Uebergang aus der nördlichen in die süd-
lich Hemisphäre zwischen 29 und 30° W-Lg von Paris bewerkstelligen.
In der Segelanweisung von Macarte y Diaz (1813) war vorgeschrieben,
die Linie auf der Reise nach Indien (Manila) in 3 bis 5° von Teneriffa (nach
der Zählung 0 bis 360°), also im Osten der Kanarien, auf der Fahrt aber nach
Südamerika in 359°, d. i. also in ungefähr 23° W-Lg v. Gr. zu passiren. Da
die bezüglichen Instruktionen keine weitere Erläuterung enthalten, befremdet im
ersten Augenblick der Unterschied, doch glauben wir denselben dadurch erklären
zu sollen, dafs erstere Route den Beginn des Sommers als Abfahrtssaison nach
den Philippinen in Rücksicht nimmt, zu welcher Zeit wegen des nordafrikanischen
Südwestmonsuns die östliche Route nicht nur gestattet, sondern auch vor-
theilhaft ist.
Kommen wir noch ein letztes Mal auf die Routen im Nordatlantischen
Ocean zurück. Wir sahen, dafs mehr oder weniger für die Rückfahrt von West-
indien nach Amerika der Golfstrom zum Theil benutzt wurde; man kannte aber
seinen ganzen Lauf noch nicht, und so geschah es, dafs durch das zu frühe Ver-
jassen seines Gebietes die Fahrten noch verhältnifsmälßsig lange dauerten, und dafs
selbst die Küstenfahrt an den amerikanischen Gestaden, wo doch die Gegen-
strömung bereits früher bemerkt worden war, mit Hindernissen kämpfen mußste.
Die Postschiffe von Boston in Neu-England nach Charleston in Carolina brauchten
auf ihrer Fahrt nach Süden zuweilen drei bis vier Wochen, während sie nord-
wärts dieselbe Strecke in weniger als acht Tagen zurücklegten.
Dieselbe Unkenntnifs von der Existenz und dem Einflusse des Golfstromes
auf die Schiffahrt läßt sich bei der Anordnung der Fahrten der Königlichen Postschiffe
zwischen England und Amerika bemerken. Sogar noch im Jahre 1770 und später
pflegten dieselben von Falmouth in England nach New York in Amerika bei
ihren Hinfahrten gerade in der Mitte der östlichen oder mittleren Sektion des
(}olfstromes zu segeln. Darüber lächelten im Stiller die klugen Fischer von
Nantucket in Neu-England, die mit diesem „Regulator der Schiffahrt“ — wie
ihn Kohl nennt — bereits ganz vertraut waren. Während der Verfolgung der
Wale hatten sie dem Nordatlantischen Ocean alle Geheimnisse entlockt und
waren so in der Lage, die Ueberfahrt von England nach Amerika um 14 Tage
abzukürzen. Nach Europa hin segelten sie mit dem Golfstrom auf einem mehr
südlichen Breitengrad, Aber auf ihren Rückreisen von Grofsbritannien nach
Neu-Eugland, New York und Pennsylvanien hielten sie sich im Norden des