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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 21 (1893)

Landerer: Einige Bemerkungen über die Seemann’schen Stromkarten. 267 
bedingten Abweichungen berücksichtigen und ferner ein möglichst vollständiges 
Bild der ganzen Gezeitenbewegung bieten. In dankenswerther Weise hat Kapitän 
Seemann dieser Anregung Folge geleistet und durch die Herausgabe der vor 
Kurzem erschienenen Stromkarten den Seeleuten und der Schiffahrt einen nicht 
zu unterschätzenden Dienst geleistet, so dafs es wohl angebracht erscheint, an 
dieser Stelle der Vortheile, die das neue Werk bietet, mit einigen Worten zu 
gedenken. ; 
Aufser der grofsen Arbeit vom Admiral Beechey in den Philosophical 
Transactions of the Royal Society of London 1851 über die Strömungen in üem 
Englischen Kanal. und der Nordsee wurde noch eine weitere Arbeit von dem- 
selben Verfasser: Use of the lead or how to correct the soundings; with an 
explanation of the general set of the.tides in the Irish Sea, the English Channel 
and the North Sea zu diesen Karten benutzt. Ferner wurden die Angaben in 
französischen, englischen und deutschen Segelanweisungen sowie die neuesten 
Untersuchungen über die Strömungen bei den Feuerschiffen: Elbe, Weser und 
Jade und auf Borkum-Riff aus den deutschen Gezeitentafeln und für die Feuer- 
schiffe an der englischen Küste aus den Tide tables for the British and Irish 
ports verwerthet. Von hervorragender Bedeutung waren dann noch für dieses 
Werk die neuesten französischen Stromkarten für den Kanal: Courants de la 
Manche et de Ventree de la Mer du Nord. (1891) von M. Hedouin und die bel- 
zischen Untersuchungen: Etude sur les Courants de la Mer du Nord (Brüssel 
1892) für den West Hinder, sowie die holländische Veröffentlichung: De 
Stroomen of de Nederlandsche Kust (Utrecht 1890) für die Strömungen bei den 
Feuerschiffen: Nord Hinder, Schouwen und Terschelling. 
Zunächst sei hier bemerkt, dafs die bewährte Anordnung, welche Beechey 
zuerst in seinen Stromkarten getroffen, die Strömungen nach einer KEinheitszeit, 
der Hafenzeit von Dover, zu verzeichnen, auch in der Arbeit Seemann’s bei- 
behalten ist. Um an einer gegebenen Stelle zu einer gegebenen Zeit Richtung 
and Stärke des Stromes zu finden, verfährt man daher genau so, wie bei Be- 
nutzung der englischen Stromkarten oder der Gezeitentafeln. Die Methode 
ist den Seeleuten so geläufig, dafs sie hier füglich unerörtert bleiben darf. Ganz 
wesentlich unterscheidet sich jedoch das vorliegende Werk von den gleichartigen 
älteren in der Fülle des gebotenen Materials, wie in der übersichtlichen Anord- 
nung desselben. Für die besonders wichtige Strombewegung im Englischen Kanal 
z. B. gaben uns die einzelnen Stundenkarten bisher nur einige wenige Angaben, 
während jede der neuen Tafeln auf den ersten Blick ein vollständiges Bild so- 
wohl des Haupt- wie: des Küstenstromes vom Eingange des Kanals bis zur Elb- 
Mündung und bis in die Irische See wiedergiebt. 
Am besten wird man sich den Nutzen der Stromkarten an einem prak- 
tischen Beispiele klar machen können. Denken wir uns, ein von West kommender 
Zwölfmeilendampfer, welcher über Havre nach Hamburg bestimmt ist, sei, bei 
Springgezeit, zwei Stunden nach Dover-Hochwasser, also: kurz vor Beginn des 
östlichen Stromes, bei Lizard angelangt, so zeigt uns die dieser Gezeitstunde 
entsprechende Tafel, daß, wenn das Schiff dieses Kap in etwa zwei Seemeilen 
Abstand passirt, es bereits den Strom mit hat, während in einer Entfernung von 
8—10 Meilen vom Lande, die Gezeit noch mit einer Geschwindigkeit von 1 Meile 
per Stunde nach Westen läuft. Nehmen wir an, der Dampfer passire das Kap 
in dem ersterwähnten Abstande, und der Führer desselben setze seinen Kurs nun 
so, dafs er damit 7—8 Meilen von Casquets abbleibt, so wird er sich zunächst 
vergewissern, inwieweit er, bei der Wahl der einzuschlagenden Route, die bei 
den Seeleuten mit Recht gefürchtete Versetzung nach der französischen Bucht in 
Rücksicht ziehen mufßs. Unter der Voraussetzung, dafs das Wetter sichtig genug 
bleibt, um die 110 Meilen betragende Distanz mit voller Fahrt (12 Meilen in der 
Stunde) zurückzulegen, wird der Dampfer, da er den Strom nahezu während der 
ganzen Fahrt mit hat, den Weg‘ bis Casquets in ‚ca 81% Stunden zurücklegen 
können und mithin dort etwa zwei Stunden vor dem nächsten Dover-Hochwasser 
anlangen. Schon bei einem flüchtigen Durchblättern der entsprechenden Stunden- 
karten wird man sofort erkennen, wie der Strom während der Fahrt auf das 
Schiff wirkt. In der ersten Stunde fällt die zunächst mit geringer Stärke ein- 
setzende, nach Nord verlaufende Fluth quer auf den Kurs des Schiffes, dreht 
sich dann allmählich östlicher, bis sie nach Ende der zweiten Stunde genau mit 
2%
	        
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