Gelcich: Beiträge zur Geschichte der oceanischen Segelanweisungen. 257
da in derselben die Frage über den günstigsten Durchschnittspunkt des Aequators
zum ersten Mal einer Diskussion unterworfen wurde. !)
Nach einer ziemlich eingehenden Beschreibung des Passats und seiner Eigen-
thümlichkeiten in der Nähe der westafrikanischen Küste sagt Dampier, dafs kluge
Seeleute auf der Fahrt von Guinea nach Europa sich im Süden des Aequators
aufhalten, bis sie den Meridian von 359° (von Ferro) erreichen. Denn östlich
davon und im Norden des Aequators hat man Stillen und Wirbelstürme zu er-
warten. Ja es giebt solche, die sich noch stärker gegen Westen ziehen, besonders
die aus Ostindien zurückkommenden Schiffer, welche nahe an den amerikanischen
Küsten die Linie passiren und das ganze Jahr hindurch allda ziemlich starke
Südostwinde antreffen; die aber nach Indien wollen, nehmen ihren Weg von der
Insel S. Jago südwärts und finden auch auf der besagten Länge die schon er-
wähnten Winde.
An einer anderen Stelle bespricht Dampier noch einmal diese Frage.
Zwischen dem Kap Verde auf Afrika und dem brasilianischen Kap Blanco hat
die See unter der Linie nicht so oft Windstillen und Wirbelwinde, sondern das
Wetter ist .schön und die Winde ziemlich stark. „Daher kommt es auch, dafs
die englischen und holländischen Schiffe, wenn sie nach OÖstindien gehen, sich
bemühen, die Linie also zu passiren, dafs es von einem Kap so weit ist als zum
anderen. Und ob sie gleich zuweilen die Winde SSE oder SSW oder auch mehr
östlich oder mehr westlich antreffen, so lenken sie sich doch über einen Grad
nach Osten oder nach Westen von dieser Mittelstraße nicht ab, ehe sie das Schiff
wenden, aus Furcht, sie möchten gegen Westen irgend an einen starken Strom
oder auf der Ostseite unter die Windstillen gerathen, welches sie beiderseits an
ihrem Laufe sehr verhindern würde.“
Man wußte damals ganz gut, daß die Kalmenregion die Gestalt eines mit
der Basisfläche gegen Afrika gewendeten Keils annimmt, und wenn man einer-
seits die Stillen gegen Osten fürchtete, so erregten auch das Hindernifs der Süd-
winde und der Gegenströmung an der brasilianischen Küste Besorgnils.
Ueber die Fahrten von und nach Guinea setzt Dampier zu dem bereits
Gesagten noch Folgendes hinzu:
„Im Rückweg fahren die Guinea-Segler wohl bis auf 3° oder 4° S-Br, ehe
sie die Linie passiren, indem sie allda einen starken Wind zwischen SSE und
SSW finden. Mit demselben fahren sie in einem Parallel 35 bis 36° fort, das
ist bis ungefähr mitten zwischen die beiden gedachten Vorgebirge, und alsdann
gehen sie wieder über die Linie auf Nordbreite .... MKinige fahren wohl gar
bis 40° weit, ehe sie über die Linie gehen .... Wenn sie aber im Gegentheil
ihren Weg nach Westen, nordwärts der Linie gegen Alt-Callabar auf Guinea
nehmen wollen, in Hoffnung, weil es der nächste Weg zu sein scheint, etwas zu
gewinnen, so würden sie sich betrogen finden, wie schon Vielen geschehen ist.
Denn halten sie sich nahe an die Linie, so verfallen sie unter grofse Windstillen,
bleiben sie aber an den Küsten, so ist ihnen der Westwind zuwider, und wollen
sie das Mittel oder zwischen ihnen zu fahren suchen, so kann man beide Ver-
drießlichkeiten nicht vermeiden und mufß noch dazu die Tornados, sonderlich in
den Monaten Juni, Juli und August, ausstehen.“
Die Besprechung dieser letzteren Route bietet ein besonderes Interesse in
der Geschichte der maritimen Geographie, da die Seeleute bei kurzen Fahrten
sich weniger mit dem Gedanken vertraut machen konnten, von dem geraden Weg
abweichen zu müssen. So sehen wir, dafs, obwohl der Verkehr auf den Antillen
ein lebhafter gewesen sein muß, die Routen gegen den Passat lange in den
Segelhandbüchern nicht vorkamen. Dampier führt sie alle als selbstverständlich
an. So ist es nöthig, um vom Mexikanischen Golf nach Osten zu kommen, über
die Strafse von Florida, oder zwischen den Inseln hindurch, hinaus und gegen
Norden zu steuern, bis man den Passat überschreitet, und dann ostwärts zu segeln,
1) Der Reise um die Welt anderer Theil, In sich haltende einen dreifachen Anhang, als
. . , DI. Einen ausführlichen Bericht von Winden, Stürmen, Ebbe und Fluth wie auch von Ströhmen.
Herausgegeben von Wilhelm Dampier, Aus dem Englischen in die französische und nunmehr in.
die hochteutsche Sprache übersetzt. Leipzig. Verlegts Michael Rohrlachs sel. Wittib u. Erben
1703, Diese Reise fand in den Jahren 1679—1691 statt, Die Entdeckungsreise Dampier’s nach
den Australländern im Auftrage der britischen Admiralität fällt in die Jahre 1699—1707
Ann. d. Hydr. ete.. 1293. Haft YIL