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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1893.
dem Winde in sechs Etmalen Distanzen von 256, 285, 292, 252, 251 und 224 Sm
zurücklegte. Auch der raumende Nordostwind, der in 21° S-Br begann, und dem
später nach raschem Umlaufen noch wieder Wind aus SE folgte, brachte das Schiff
ziemlich schnell vorwärts, so daß es schon am 33. Tage seiner Reise ab Lizard
die Höhe des Rio de la Plata erreicht hatte. Hier entstand einiger Aufenthalt
durch einen hereinbrechenden schweren Pampero. Weiterhin wurde „Selene‘“ durch
anhaltende schrale Südwestwinde von ihrer Route ab zu weit nach Osten ver-
drängt; ein weiteres Abschralen des Windes bis Süd gab jedoch Kapt. Israel
die Gelegenheit, wieder näher unter die Küste zu kommen, von wo er mit dem
folgenden stürmischen Nordwest Kap St. John auf Staaten-Land bequem anholen
konnte. Am 23. Juni überschritt „Selene‘““ den Parallel von 50° S-Br; ihre Fahrt
von 201,2 Tagen von der Linie bis hier ist die kürzeste, die in den Journalen
der Seewarte vorkommt. Etwas weniger rasch, doch auch noch immer ganz be-
friedigend, war die Fahrt rund Kap Horn. Nördlich von Staaten-Land mufste
das Schiff für mehrere Wachen bei günstigem Winde beigelegt werden, weil, ehe
das Land in Sicht kaın, die lange Winternacht hereinbrach und zur Zeit dickes
Wetter war, und südlich von der Insel erlitt die Reise eine mehrtägige Ver-
zögerung durch Mallung und Windstille. Erst am fünften Tage ihrer Fahrt ab
50° S-Br erhielt „Selene“ südlich von Staaten-Land eine förderliche Briese aus
NW, womit das Barometer, das bis dahin einen mittelhohen Stand gehalten hatte,
rasch zu fallen begann. Mit dem niedrigsten Stande holte der Wind in 59° S-Br
und 69° W-Lg nach SW, krimpte noch einmal mit wieder sinkendem Luftdruck
nach NW zurück und setzte sich dann für mehrere Tage im südwestlichen Viertel
fest. Um diese Zeit war „Selene“ schon so weit nach Westen vorgeschritten,
daß sie, nachdem der schwerste Sturm des hereinbrechenden Südwest vorüber
war, ihren Kurs frei vom Lande nach NW verfolgen konnte; am zweitfolgenden
Tage legte sie bei steifer Briese unter vollen Segeln wieder ihre 10 bis 13 Knoten
zurück, und einen Tag später, den 12. Tag der Fahrt, gelangte sie wieder
nördlich von 50° S-Br. Bei sehr hoch gestiegenem Barometer drehte sich in
dieser Breite der Wind nach SE und Ost, womit das Schiff in rascher Fahrt
schon am 10. Juli, 58 Tage ab Lizard, die Insel Juan Fernandez in Sicht lief,
Der eigentliche Südostpassat, der nach zwei Tagen nördlicher Briese am 12. Juli
in 33° S-Br durchkam, war dagegen nur flau, zuletzt so flau, dafs die Bark für
die letzten drei Grad Breite volle drei Tage benöthigte. Am 19. Juli ankerte
„Selene“ in der Bai von Iquique; Reisedauer ab Lizard 67 Tage.
Die Rückreisen von der Westküste nehmen meistens eine längere Zeit in
Anspruch als die Ausreisen, obschon die Umsegelung von Kap Horn in der
Richtung von West nach Ost natürlich viel leichter ausgeführt werden kann.
Diese längere Dauer entsteht einestheils durch die geringere Segelfähigkeit,
welche eiserne Schiffe auf der Rückfahrt, wenn ihr Boden nicht mehr so rein
ist, immer besitzen, dann aber auch durch die gröfsere Länge der heimwärts
führenden Route, welche der Windverhältnisse wegen auf verschiedenen Stellen
einen Umweg machen mulfs, während auf der Ausreise nahezu der kürzeste Weg
innegehalten wird.
Die grofse Mehrzahl der Schiffe tritt ihre Rückreise von einem der im
nördlichen Chile zwischen 20° und 25° S-Br gelegenen Salpeterhäfen an. Die
Route führt von hier mit den südlichen Küstenwinden zunächst recht landabwärts
und dann, sowie der Wind in gröfserem Landabstande mehr und mehr östlich
holt, allmählich mehr nach SW und Süd nach einem mittleren Schnittpunkte von
35° S-Br und 90° W-Lg. Mit den hier vorherrschend werdenden westlichen
Winden suchen die Schiffe, um sich der unter Lee liegenden Küste Patagoniens
nicht zu früh zu nähern, zunächst auch noch vornehmlich Süd zu machen, so dafs
der Parallel von 50° S-Br in ungefähr 85° W-Lg geschnitten wird; von hier
halten sie allmählich östlicher nach Kap Horn. Der lange Aufenthalt, den die
Schiffe auf dieser Strecke oft erleiden, hat seinen Grund vornehmlich in dem
Vorherrschen von Windstillen und konträren Südwinden an der Grenze des Passat-
gebietes, zwischen 25° und 35° S-Br, ferner auch in dem Auftreten von Südwest-
stürmen, die oft zu hart wehen und von einer zu schweren See begleitet sind,
um auf dem einzuhaltenden Kurse als Segelwinde benutzt werden zu können,
Auf der zweiten, der südatlantischen Strecke nehmen die Schiffe ihren
Weg östlich von den Falkland-Inseln und im weiten Abstand von nahezu 1000 Sm