Gelcich: Beiträge zur Geschichte der oceanischen Segelanweisungen.
um mehr als 30° in der Breite differirten, und zwar segelten die Engländer auf
der nördlichen, die Holländer auf der alten südlichen Route.
Gar keinen Nutzen brachten die älteren Entdeckungsfahrten der Portugiesen
mit sich, da sie nur reine Küstenschiffahrt trieben. Vasco de Gama noch schleppte
sich mühsam, unter Land fahrend, in 8 Monaten bis nach Mozambique; in Melinde
kam er mit den geübten arabischen Piloten zusammen, welche ihn unter Be-
nutzung des gerade wehenden Südwestmonsuns direkt nach Calicut führten (Mai 1498).
Mit geringen Abweichungen befolgten die Portugiesen diese Route nach Indien
durch Decennien hindurch. Man wählte die Abfahrtszeit aus Portugal derart, um
Mozambique zur Zeit des genannten Monsuns zu erreichen, und fuhr bis Mozam-
bique immer längs der Küste. Von Mozambique aus steuerte man NO über
die Comoren bis zu den Almiranten, dann NOzO bis in 17° N-Br, endlich ONO
bis auf 200 Leguas von der indischen Küste; endlich steuerte man direkt gegen
den Bestimmungshafen.
Die gesammelten Erfahrungen hatten aber doch schließlich die Portugiesen
belehrt, dafs die Küstenfahrt bis zum Kap der guten Hoffnung zu zeitraubend aus-
fällt, und so beschlofs Cabral, einen anderen Weg zu versuchen. Er verliefs
Portugal am 9. März 1500 und nahm zuerst Kurs auf die Kapverdischen Inseln,
Von den Kapverden an setzte er den Bug gegen die hohe See, „um dem Lande
von Guinea auszuweichen, wo Windstillen die Fahrt hemmen konnten, und weil
man sicher war, das Kap der guten Hoffnung dennoch umsegeln zu können“,
Cabral hatte somit richtig erkannt, dafs er den Südostpassat mit einem einzigen
Bord durchsegeln müsse, um die veränderlichen Westwinde der südlichen gemäfsigten
Zone so bald als möglich zu erreichen. Einen Monat hindurch verfolgte er immer
denselben Kurs. Je tiefer er nach Süden kam, desto schraler mufßs ihm der Wind
gewesen sein, und der atlantische Aequatorial-Strom that auch das Seinige, um
eine starke westliche Versetzung zu verursachen, So erreichte Cabral die
brasilianische Küste in 10° S-Br. Von Porto Seguro aus mulfste der Entdecker
Brasiliens einen südlichen Kurs nehmen, um den Rest der Passatzone zu durch-
schneiden.
Die ersten Nachfolger Cabrals befolgten im Allgemeinen diese Route,
nur scheinen sich einzelne viel zu stark gegen Süden gehalten zu haben, um das
Kap desto sicherer zu doubliren. So gelangten z. B. die Schiffe des Vicekönigs
Dalmeida so stark nach Süden, dafs die Leute froren und nicht im Stande
waren zu manövriren. Dasselbe geschah dem Pedro de Aguaja im Jahre 1506;
Die heute übliche Vorschrift, auf der Rückreise. vom Kap der guten
Hoffnung in Sicht von St. Helena und Ascension zu passiren, datirt aus den
ersten Zeiten der indischen Entdeckungsfahrten und zählt fast vier Jahrhunderte.
Als nämlich Joäo da Nova von Cananor nach Europa zurückkehrte, entdeckte
er die Insel St. Helena. „Diese Insel“ — schreibt da Barros — „scheint Gott
an jenem Orte geschaffen zu haben, um alle Menschen, die von Indien kommen,
zu laben, weil Alle, seitdem sie entdeckt wurde, bis heutigen Tages dort anzu-
legen suchen, indem. sie das beste Wasser auf der ganzen Reise oder wenigstens
das Nothwendieste bietet, das man auf der Rückfahrt von Indien einnimmt.“
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Die Erkenntnifs, daß der einzuschlagende Weg nach Mafsgabe der vor-
herrschenden Luft- und Meeresströmungen eingerichtet werden müsse, schärfte
die Beobachtungsgabe des Seemannes, und man begann die Schiffstagebücher
mit größerer Sorgfalt zu führen; in der Heimath gab es dann Männer und
Aemter, welche den mitgebrachten Journalen die größte Aufmerksamkeit
schenkten, und so wurde: man auf das Vortheilhafte der einen oder der anderen
Route geführt. Denn theils absichtlich und versuchsweise, theils zufällig‘ wichen
Einzelne von den üblichen Routen nicht selten ab, und kamen sie so eher zum
Ziele, so trachteten Andere, das Beispiel nachzuahmen. Gar zu rasche Fahrten
brachten den kühnen Seemann jedoch gelegentlich in den Verdacht der Zauberei,
wie denn. auch in jener Zeit die Sage vom fliegenden Holländer entstand, Noch
aus dem Jahre 1710 erzählt Feuillet einen solchen Fall von einem Schiffs-
kapitän, der die Reise von Callao nach Concepcion und zurück in drei Monaten
gemacht hatte, während-man sonst, längs der Küste gegen den Südwind segelnd,
ein Jahr dazu brauchte. Doch mufs diese Erzählung einiges Befremden erregen,