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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 21 (1893)

Gelcich: Beiträge zur Geschichte der oceanischen Segelanweisungen, 219 
führen. So nahm sich Jean Ribault im Jahre 1562 vor, „etwas Neues auszu- 
führen für den Ruhm seiner Nation“, und von Havre de Grace im Januar aus- 
segelnd, setzte er gleich mitten in die breiten Gewässer des Oceans hinein und 
segelte direkt nach Westen, Die von ihm eingehaltenen Kurse sind uns nicht 
erhalten worden; Kohl vermuthet aber, dafs er die Azoren passirte und die Ber- 
mudas etwas im Süden ließ. Ribault erreichte die ostamerikanischen Küsten 
nahe beim jetzigen Hafen von St. Augustin im Norden von Florida. „Dies sei“ 
-— 80 sagte er — „der kurze und wahre Weg über den Ocean, dem man in 
Zukunft zu Ehren der französischen Nation folgen müsse, mit Verwerfung der 
althergebrachten Ansicht, welche bisher für richtig angenommen worden sei.“ 
Uebertragen wir die Route Ribaults auf eine Karte, worauf die Winde 
und Strömungen verzeichnet sind, so bemerken wir, dafs er bei der Veränderlich- 
keit der vorherrschenden Winde jener Breiten und bei dem Umstande, dafs 
zwischen den Azoren und Bermudas die Rückströmung des Golf-Stroms im Allgemeinen 
gegen Westen zieht, immerhin eine günstige Fahrt zurückgelegt haben mag. 
Er mußte jedoch zweimal den Golf-Strom durchkreuzen, einmal an der europäischen, 
dann an der amerikanischen Seite. Während nun Spanier und Portugiesen den 
gewohnten Weg über Süden einhielten, der bei der geographischen Lage ihrer 
Abgangspunkte im Uebrigen ganz gerechtfertigt war, verfolgten seit Ribault 
Engländer und Franzosen bisweilen die nördliche Route; wichen sie davon ab, 
80 thaten sie es nicht aus Furcht vor den Westwinden oder vor der noch un- 
bekannten Ausdehnung des Golf-Stromes im mittleren und östlichen Theil des 
atlantischen Beckens, sondern in Rücksicht auf den bekannten Lauf der Gewässer 
von Süden gegen Norden längs der amerikanischen Küste. Sie waren besorgt, 
wenn einmal an der amerikanischen Küste angelangt, den Weg gegen Süden 
nicht mehr fortsetzen zu können, Dieser Gedanke kommt sehr entschieden in 
der Reisebeschreibung des Sir Humphrey Gilbert zum Ausdruck (1579—1583). 
Als es sich nämlich um die amerikanische Expedition vom Jahre 1583 handelte, 
entstand die Frage, ob man nach Amerika „durch den Süden nach Norden 
oder durch den Norden nach Süden segeln sollte“, „Der erste Weg“ — 
sagte Gilbert selbst — „schien uns entschieden der leichteste, weil wir da immer 
den Beistand des Stromes haben würden, der von Kap Florida nach Norden geht 
und der unsere Reise längs aller jener Küsten von dem genannten Kap bis zum 
Kap Breton sehr gefördert haben würde, da alle diese Länder nach Norden 
hingestreckt sind. Nichts desto weniger aber machte uns die lockende Aussicht, 
im Fall der Noth eine neue Verproviantirung der Schiffe auf den Neufundland- 
Bänken leicht zu Stande bringen zu können, dem nördlichen Wege geneigt, den wir 
denn auch wirklich einschlugen, obgleich wir gewärtig seinmufsten, dafs die konträren, 
vom Kap Florida nach Kap Breton herabkommenden Strömungen sich bei unserm 
Vorrücken aus Norden als ein großes und beinahe unwiderstehliches Hindernifs 
zeigen und uns vielleicht zwingen würden, in jenen nördlichen Regionen zu 
überwintern.“ 
Eine noch nördlichere Route als jene von Ribault führte Gosnold ein, 
dessen Schiffahrtslinie man den „kurzen Schnitt“ zu nennen pflegt. Gosnold 
verliefßs England am 26. März 1602, um sich nach einem in 40° N-Br gelegenen 
Hafen an der ostamerikanischen Küste zu begeben. Er führ wahrscheinlich 
dicht nördlich von den Azoren vorbei, fand jenseits dieser Inseln ungünstige 
Westwinde, die ihn nach 37° N-Br brachten; von da segelte er gegen NW und 
erreichte Land in 43° N-Br. So steuerte der englische Kapitän fast die ganze 
Zeit hindurch innerhalb des „Schweifes“ des Golf-Stromes und in Breiten, wo die 
Westwinde stark vorwalten. Unbegreiflich bleibt es daher, daß, wie Kohl 
behauptet, in der Folge nicht nur britische, sondern. auch französische Seefahrer 
diese Bahn vorzogen. Alle folgenden Erforscher und Kolonisten Neuenglands, 
so Pring (1603), Weimouth (1605) u. A., dann auch die Franzosen De Monts 
(1604), Poutrincourt (1605) etc. segelten im Norden der Azoren vorbei und 
hielten sich im Golf-Strom, ihm in ungefähr 40° N-Br entgegenstrebend. Diese 
letztere Behauptung Kohls steht im Widerspruch zur Karte der französischen 
Routen, die derselbe Autor geliefert hat. Denn nach der Letzteren scheinen 
De Monts, Poutrincourt und Lescarbot sich bedeutend nördlicher als 
Gosnold gehalten zu haben, und dann wäre ihre Route jedenfalls vorzuziehen 
gewesen. Sie hatten sich nämlich zu Anfang am nördlichen Rande des Golf-
	        
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