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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1893.
tiefen Senkungen., So starke Temperaturgegensätze, wie sie im vorjährigen Mai
vorkamen, gehören zu den Seltenheiten. Vergleicht man die äufsersten Tem-
peraturen am Anfange und am Schlusse des Monats, so ergiebt sich eine Tem-
peraturschwankung von 30° bis 40°C. Am 27. und 28. wurden außerordentlich
hohe Temperaturen erreicht, an der Küste mehrfach 30° bis 32°, im Binnenlande
vielfach 36°, Temperaturen, welche nur in extrem heilßsen Sommermonaten bei
uns vorzukommen pflegen. In den ersten Tagen des Monats traten noch Schnee-
fälle ein und wurden vielfach noch Nachtfröste beobachtet, indessen scheinen
diese der Vegetation wenig nachtheilig gewesen zu sein. Im Gegentheil hat die
hohe Wärme am Ende des Monats, welche auf die vorhergehende kühle und nasse
Zeit folgte, die Entwickelung der Feldfrüchte ganz aufserordentlich gefördert.
Der vorjährige Frühling ist im Ganzen durch Trockenheit ausgezeichnet,
und insbesondere ist die Trockenperiode von Mitte März bis Mitte April hervor-
zuheben, mit welcher die Waldbrände in Zusammenhang stehen, welche Anfang
April vielerorts stattfanden.
Erwähnenswerth sind noch die starken Schneefälle, welche am 11. März
im mittleren Deutschland niedergingen und daselbst vielfach zu Verkehrsstörungen
Veranlassung gaben, und die sehr ergiebigen Regenfälle am 27. und 28, März,
welche beim Vorübergang einer nordostwärts durch unseren Kontinent hinweg-
ziehenden Depression erfolgten, wobei vielfach elektrische Entladungen statt-
fanden.
Im Sommer war der Luftdruck durchschnittlich hoch im westlichen und
südwestlichen Europa, dagegen niedrig im Nordosten; nur im August lag
das Maximum im Mittel über der Alpengegend und das Minimum im nord-
westlichen Europa. Westliche Winde waren vorwiegend, und insbesondere
kamen die nordwestlichen ziemlich stark zur Geltung. Nur im Juli waren Ööst-
liche Winde sehr häufig. Gewitter waren nicht selten, aber in Hamburg durch-
weg nur schwach.
Wie der vorjährige Sommer durch die starke Hitze im Monat Mai ein-
geleitet wurde, so schlols derselbe auch mit starker Hitze, welche nicht allein
durch die aufserordentlich hohen Temperaturgrade, sondern auch ganz besonders
wegen ihrer langen Dauer und wegen der physiologischen Wirkungen der
direkten Sonnenstrahlung bemerkenswerth ist. Das Verbreitungsgebiet dieser
Hitze erstreckte sich als eine breite Zone von der Iberischen Halbinsel nord-
wärts über die Pyrenäen hinaus nach dem kontinentalen Frankreich und Deutsch-
land und von hier aus nach Oesterreich-Ungarn. Das nordwestliche, südliche
und östliche Europa betheiligten sich hieran nicht, vielmehr herrschte in diesen
Gebieten verhältnifsmäfsig kühles Wetter. Dafs diese hohen Temperaturen nicht
einer Ueberhitzung der Sahara ihren Ursprung verdankten, wie man anZunehmen
geneigt war, geht daraus hervor, dafs sowohl vor der Hitzeperiode, als auch nach
derselben die Sahara durchaus kein Uebermafs, sondern vielmehr einen Mangel an
Wärme zeigte. Es läfst sich nachweisen, dafs die hohe Wärme am 15. in Spanien
sich entwickelte, am 16. nach Süd- und Westfrankreich, am 17. nach dem west-
deutschen Binnenlande sich ausbreitete und dann langsam ostwärts über die ost-
deutsche Grenze hinaus nach Russland und Oesterreich-Ungarn sich fortpflanzte.
In erster Linie war es der Lufttransport, in zweiter die Wirkung der Sonnen-
strahlung, welche durch Bewölkung nicht gehemmt wurde, welche diese aufßser-
ordentlich hohen Temperaturgrade verursachte. Die höchsten Temperaturen ent-
fallen auf den centralen Theil der Iberischen Halbinsel und den Südwesten von
Frankreich, wo die Temperaturmaxima bis zu 42° hinaufgingen, dann auf das
südöstliche und südliche Deutschland, wo Temperaturen von 38 bis 39° vor-
kamen; ja zu Amberg wurden 39,8° C beobachtet. Es ergiebt sich also, dal
in unseren Gegenden die Temperatur bei extremster Sommerhitze auch bei guter
Aufstellung der Thermometer bis zu 40° C ansteigen kann; dafs Thermometer,
welche direkt oder mittelbar von Sonnenstrahlung getroffen werden, noch viel
höhere Temperaturen annehmen können, bedürfte hier kaum der Erwähnung,
wenn nicht durch die Zeitungen manche Angaben dieser Art Verbreitung
gefunden hätten. Das Ende der Hitzeperiode wurde durch eine Depression
herbeigeführt, welche am 25. und 26. nördlich von uns ostwärts vorüberzog,
wobei mit Eintritt westlicher Winde und unter Gewittererscheinungen die Tem-