accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 21 (1893)

184 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1893, 
rüstungen genügend gut gemacht sind. Die Kapitäne sind sich bewufst, dafs 
vom guten Zustande ihres Fahrzeuges das Leben ihrer Untergebenen abhängt; 
sie wissen aus Erfahrung, dafs der Kampf sehr hart ist, und sie bereiten sich 
entsprechend darauf vor. Man kann ihnen nicht genug anempfehlen, auf diesem 
Wege zu bleiben und in dieser Hinsicht nicht im Geringsten nachzulassen; haupt- 
sächlich mufs ihre Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, dafs sie stets im 
Besitze der allerbesten Sturmsegel sind, denn von diesen hängt das Heil der 
kleinen Fahrzeuge ab. Wenn sie nach dem Verlust des Sturmsegels zum Lenzen 
gezwungen sind, sind sie den schwersten Gefahren ausgesetzt. 
Unglücksfälle — Zeitpunkt der Abreise aus Frankreich. Unglück- 
licherweise hat das Jahr 1892 fast noch mehr wie die Mehrzahl der voran- 
gegangenen Jahre eine grofse Zahl von Unfällen zu verzeichnen. Von 167 Schonern 
sind 12 nicht zurückgekehrt; 7 von diesen sind verschwunden, 134 Mann mit sich 
führend, ohne dafs man je von ihnen wieder gehört hat. Es sind dies die 
Schoner „G. €. II“ aus Treguier mit 17 Mann, „Reine“ aus Dünkirchen mit 
18 Mann, „Leona“ aus Dünkirchen mit 18 Mann, „Emma“ aus Dünkirchen mit 
18 Mann, „Marguerite“ aus Paimpol mit 17 Mann, „Notre-Dame-de-la-Ronce‘“ aus 
Paimpol mit 24 Mann, „Marie Vietor“ aus Binice mit 22 Mann. 
Die fünf anderen sind die Schoner „Etoile-du-Matin‘“, in See verloren, 
Mannschaft gerettet; „Perle“, bei Peterhead verloren, 5 Mann ertrunken; „Hiron- 
delle“ und „Solange“, durch Zusammenstofsen an der isländischen Südküste ver- 
loren, Mannschaften gerettet; „St. Denis“, beim Kap Skagen verloren, Mann- 
schaft gerettet. 
So sind 139 Menschen verschwunden! Man würde es eine Katastrophe 
nennen, wenn es sich um eine Feuersbrunst, um ein Kisenbahnunglück oder um 
schlagende Wetter gehandelt hätte — und alle Zeitungen wären voll davon; 
Sammlungen würde man veranstalten. Aber es sind ja nur Islandfischer! Diese 
Leute leiden und sterben, ohne dafs man an sie denkt. Eine Requiem-Messe zu 
Paimpol und eine zu Dünkirchen, damit ist es abgethan; die Wittwen legen 
Trauer an, die Mütter, die Bräute weinen — aber das Gewerbe verlangt es — 
wie die Seeleute sagen; und man beginnt im nächsten Jahre die Islandfahrt aufs 
Neue. Die Unternehmer versichern ihre Fahrzeuge wie immer, da sie wissen, 
wie nöthig dies ist. Wieder wird man in den ersten Tagen des Februar aus- 
laufen und sich dabei ein wenig berauschen, um Herz und Hirn zu stärken, die 
immer etwas zittern, wenn man dem Tode entgegentreten soll unter Gefahren, 
die denen einer Feldschlacht gleichkommen. 
Kapt. Bienaime sagt: „In der That, ich kann nicht so fatalistisch denken, 
ich behaupte, man hat nicht das Recht, alljährlich so viele Menschenleben zu 
verschleudern, die noch dazu so werthvoll sind; denn jene Männer sind, was 
Ausdauer und Tüchtigkeit anbelangt, der beste Kern unserer seemännischen 
Bevölkerung.“ 
Der frühzeitigen Abfahrt der Schoner aus Frankreichs Häfen mufßs man 
neun Zehntel der vorkommenden Unfälle zur Last schreiben. Gerade in den 
ersten Monaten der Fischzüge treten die Verluste ein: die später noch vor- 
kommenden sind vielfach die Folgen von aufserordentlichen Ueberanstrengungen 
in den Monaten Februar und März. Kapt. Bienaime€ hat die Ansichten aller 
Kapitäne über den Zeitpunkt der Abfahrt von Frankreich eingeholt. Alle, ohne 
Ausnahme, erklärten, dafs man viel zu früh zur Abreise dränge, dafs man dadurch 
jährlich Unfälle erwarten müsse, denen man kaum wage, ins Gesicht zu sehen. 
Das Gesetz von 1840, das die Abreisen nach Island vor dem 1. April 
verbot, war also vollständig gerechtfertigt, aber es entspricht leider den liberalen 
Anschauungen des heutigen Frankreichs nicht mehr; es scheint daher, dafs man 
auf anderem Wege ein Gegenmittel wird suchen müssen. Bienaime schlägt 
vor, daß man darüber alle Theilhaber an der Fischerei befragen müsse, und 
dafs man mit ihnen zusammen die wirksamsten Mittel berathen müsse, um die 
Zahl der Unfälle zu vermindern oder um wenigstens ihre bösen Folgen zu mildern. 
Die Erträge des Fischfanges sind durch folgende Uebersicht dar- 
yestellt:
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.