Wislicenus: Die Forschungsreise des französischen Kriegsschiffes „Manche“. 183
‚äglich mehr ausbreitete, bedeckte schließlich die Fischereigründe und verschlofs
Jie Buchten, die man ab und zu anlaufen mufste, um Frischwasser zu nehmen.
Hierdurch wurden die Fischer zum Verlassen der Gründe gezwungen; einzelne
;egelten nach der Nordwestküste, doch die Mehrzahl hielten auf die Faeröer zu,
wo sie bis Ende Juni blieben. Erst dann liefen sie wieder nach der isländischen
Küste, die im Juli eisfrei war.
Mannszucht. An das Wachtschiff kamen von den Kapifänen der Schoner
keinerlei schwere Klagen gegen ihre Mannschaften. In zwei Fällen hatten sich
in Reykjavik Leute des Ungehorsams schuldig gemacht, während sie betrunken
waren. Man muß dabei in Betracht ziehen, dafs vieles Trinken der einzige
Genuß ist, dem die armen Seefischer sich hingeben, um die Entbehrungen und
die Gefahren zu vergessen, denen sie ausgesetzt sind. Die Schnapsrationen sind
sehr grofßs; „vielleicht“, sagt Linienschiffskapitän Bienaime, „ist dies nöthig,
aber leider führt diese Gewohnheit, so viel zu trinken, fast mit Sicherheit zum
Trunke“,
Der Einflufs der Kapitäne ist nur schwach; auch geben sie selbst nicht
immer das beste Beispiel. Dank der Ueberwachung durch das Stationsschiff ist
indessen eine den Verhältnissen genügende Mannszucht in Island eingeführt. Im
Uebrigen herrscht ein guter Geist unter den Leuten.
Gesundheitszustand. Bedenkt man, unter welchen Umständen die
Fischer leben, wie klein ferner die Wohnräume sind, wie kalt und feucht die
Witterung ist, wie grofs die Anstrengungen des fortwährenden Fischens sind
und wie einförmig die Nahrung, die nie frisches Brot gewährt, ist, so mul man
staunen, dafs der Gesundheitszustand sich so befriedigend erhalten kann. In der
That giebt es wenig Kranke, und dies ist hauptsächlich dem zuzuschreiben, dafs
ansteckende und epidemische Krankheiten in Island sehr selten sind. Nur Ent-
zündungen der Haut sind häufig; sie sind eine Folge der Erhitzung des Blutes,
der Reibung der schmutzigen leinenen und wollenen Kleidung auf dem Körper,
die auf den Vorderarmen stets nafs aufliegt. Die Kranken werden von dem
Stationsarzt gepflegt, oder in dessen Abwesenheit von einigen Aerzten und
Gesundheitsbeamten, die an verschiedenen Küstenpunkten zu finden sind. Einige
unter ihnen sind sehr tüchtig und gewissenhaft, doch die Mehrzahl besitzt nur
beschränkte Kenntnisse. Die Honorare sind sehr hoch, wenn die Hülfeleistung
in einiger Entfernung vom Wohnorte des Arztes stattfinden soll, Deshalb thun
die Schoner gut, wenn sie Kranke an Bord haben, in solche Buchten einzulaufen,
wo Aerzte wohnen. So mufsten einem Arzt, der im Patrixfjord einen Besuch
machte und selbst 24 Stunden entfernt wohnte, 100 Fres. gezahlt werden, während
man im Dyrefjord nur einige Kronen zu zahlen gehabt hätte.
Besichtigungen der Fischerfahrzeuge, Ausbesserung. Alle vor
Anker liegenden Fahrzeuge wurden vom Kapt. Bienaime besichtigt, um fest-
zustellen, dal alle Vorschriften für die Ausrüstung richtig innegehalten seien,
and um Erkundigungen über den Fischfang einzuziehen. Verletzungen der Vor-
schriften wurden dabei nirgends gefunden. |
Die Medizinkisten waren nach den Bestimmungen des ministeriellen Er-
lasses vom 21. Januar 1892 vervollständigt. Aber die Kapitäne machten die
berechtigte Bemerkung, daß, obgleich man ihnen neue Medikamente mitgab, man
doch die Instruktion über die Anwendung noch nicht geändert habe.
Mit Ausnahme eines Bugspriets und einiger Gaffeln, die eingesetzt werden
mufsten, waren nur kleine Sachen auszubessern, wie Pumpen, allerlei Küchen-
geräth und verschiedene Hisenbeschläge, die in den kleinen Ausrüstungshäfen
fast stets schlecht gearbeitet werden. Das ist sehr wenig, wenn man bedenkt,
wie schwere Proben die Schoner während der ersten Monate der Fischzeit aus-
zustehen haben, und dafs die Anstrengungen in diesem Jahre besonders grofs
waren. Ueber die Hülfeleistung sagt Kapt. Bienaime: „Ich kam den Wünschen
der Kapitäne stets voraus, ohne doch ihnen unsere Hülfe aufzudrängen;
ich habe den Eindruck,“ dafs sie, statt um unsern Beistand zu betteln, sehr
zurückhaltend sind. und sich nur dann an uns wenden, wenn sie wirklich weder
bei sich an Bord noch an Land die Mittel finden, um den Schaden zu, bessern.
[ch habe ihnen im ausgedehntesten Mafse Beistand gewährt, und keiner von ihnen
hat davon Mifsbrauch gemacht. Ich muß aufserdem anerkennen, dafs die Aus-