Moderne Meteorologie,
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Das unzweifelhafte Verdienst des Verfassers ist, dafs er seine Theorien
nicht aus Bücherstaub, sondern aus aufmerksamer Naturbeobachtung in jüngeren
Jahren gezogen hat. Hierin. unterscheidet er sich höchst günstig von vielen
fruchtbaren Köpfen, welche ihre, Hypothesengebäude ganz ohne eigenes Sehen
am Studirtisch konstruiren. Hoffen wir, dafs auch die „moderne Meteorologie“
durch steten Anschlufs an Beobachtung und Experiment vor dem Versteinern
geschützt und in Flufs erhalten wird, sonst wird auch sie natürlich der gewaltsamen
Abtragung nicht entgehen können, wenn Besseres an die Stelle zu setzen ist!
Dafs in der That die Meteorologie auch heute in dem stetigen Um-
schmelzungs-Processe begriffen ist, welcher das Kennzeichen jeder lebendigen
und besonders jeder jungen Wissenschaft ist, dies tritt uns recht deutlich in dem
zweiten, eingangs erwähnten Werke eines Amerikaners, in Waldo’s „Modern
Meteorology“, entgegen. Dasselbe ist zum gröfsten Theile der Darlegung von
Untersuchungen deutscher Forscher aus den letzten zehn Jahren gewidmet.
Herr Waldo, früher Professor am Signal Service in Washington, bekennt sich
in der Vorrede als Schüler der „German school of Meteorology“ und sieht seine
Aufgabe darin, deren Ergebnisse besonders denjenigen von seinen Landsleuten
näher zu bringen, welche eine Vorliebe für meteorologische Studien, aber wenig
Zutritt zu den Originalquellen haben. Allein auch für solche, denen dieser Zu-
tritt leichter ist, wird diese Nebeneinanderstellung: von den Hauptbewegungen
der neuesten Zeit in unserer Wissenschaft anregend und in manchen Punkten
jehrreich sein. Wie man es nach seinen bisherigen Arbeiten erwarten konnte,
hat Herr Waldo sein Augenmerk besonders auf theoretische Meteorologie und
auf Instrumente gerichtet.
Das erste Kapitel behandelt die „Quellen der modernen Meteorologie“,
die Organisationen, Veröffentlichungen und internationalen Vereinbarungen.
Schmid’s Lehrbuch (1860) bot einen vortrefflichen. Abschlufs der älteren
Meteorologie, Buchan’s „Handy Book“ (1867-—-68) ist die erste Formulirung
der neuen Strömung, eine weitere Fassung erhält .dieselbe in Mohn’s „Grund-
zügen der Meteorologie“ (1875) und in Blanford’s „Indian Meteorologist’s
Vade-Mecum“ (1876—77). Dann kamen die fruchtbaren Jahre 1883—85, welche
Hann’s „Klimatologie“, Sprung’s „Lehrbuch der Meteorologie“, van Bebber’s
„Praktische Witterungskunde“ und Ferrel’s „Recent Advances in Meteorology“
brachten, zu gleicher Zeit mit der Gründung der deutschen und der neuenglischen
meteorologischen Gesellschaften und mehrerer meteorologischer Zeitschriften
(vgl. oben S. 74). Aufser der stetig wachsenden Zeitschriften-Litteratur wurden
sodann die Jahre 1887—91 durch gröfßsere Werke von Abercromby, van
Bebber, Blanford, Brückner, Hann, Scott u. A. bezeichnet. Mit Genug-
ihuung konstatiren wir, dafs auch die Lücke, welche der Verfasser am Schlufs
seiner Aufzählung hervorhebt und klar definirt, seit 1891 durch die ihm offenbar
unbekannt gebliebene „Anleitung zur Bearbeitung meteorologischer Beobachtungen
für die Klimatologie“ von Dr. Hugo Meyer grofsentheils ausgefüllt ist.
Im zweiten Kapitel behandelt Herr Waldo ziemlich eingehend Instrumente
und Methoden; in diesem Abschnitt allein geht er theilweise auch auf die ältere
Geschichte der Meteorologie zurück. Die wichtigsten Instrumente (einschliefslich
einiger Präcisions- und Registrir-Apparate) werden hier beschrieben und ab-
gebildet, auch die Thermometer-Aufstellung, die Barometer-Vergleichungen und
Bergobservatorien finden Besprechung. Als Urbild des jetzt so verbreiteten
Robinson’schen Anemometer-Schalenkreuzes werden auf S. 113 zwei kalmückische
Gebetmühlen abgebildet.
Kapitel 3 handelt von der Thermodynamik der Atmosphäre, und zwar
von dem vorwiegend von Herrn von Bezold in die Meteorologie eingeführten
Standpunkt der graphischen Analyse aus. Nach einer geschichtlichen Darstellung,
die von Watt’s Indikator-Diagramm ausgeht, werden hier die Untersuchungen
von Bezold’s und die graphische Tafel von Hertz vorgeführt, welch Letztere
aus der „Meteorologischen Zeitschrift“, Bd. 1884, wieder abgedruckt ist.
Kapitel 4 ist den allgemeinen und Kapitel 5 den sekundären Bewegungen
der Atmosphäre gewidmet. Nach einem Rückblick auf Ferrel’s Untersuchungen
werden diejenigen von W. v. Siemens, M. Möller, Oberbeck, Hann und nament-
lich jene der Heıren v. Helmholtz und v. Bezold kurz geschildert. Die